Wiebes Weitwinkel
Wie K. sich in der heutigen Finanzwelt zurechtfinden würde

Kennen Sie die Geschichte von K., dem größten Helden der Literatur des 20. Jahrhunderts, der unbeirrt den aussichtslosen Kampf mit einer übermächtigen, gesichtslosen Bürokratie aufnimmt? Alle Kafka-Verehrer mögen den Versuch verzeihen, den Anfang von „Das Schloss“ in die moderne Finanzwelt zu übertragen. Etwa so:
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Es regnete stark, als K. den Bahnhof verließ. Er ging eine schmale Gasse entlang, die so wirkte, als habe das Sonnenlicht niemals dort hineingefunden. Am Ende war, klein und entfernt, ein Hügel zu erahnen, der mit mächtigen Kuppeln aus Beton überbaut war.

K. fand die Filiale, deren Adresse man ihm genannt hatte. Doch die Tür war, entgegen der kleinen Aufschrift, dass zwischen 9 und 17 Uhr geöffnet sei, fest verschlossen. K. schaute irritiert durch die verregnete Scheibe und klopfte heftig daran.

Ein Mann von unbestimmtem Alter öffnete. "Sie wünschen?" fragte er. Er trug eine gestreifte Krawatte über einem geöffneten und daher nachlässig wirkenden weißen Hemd. In der Hand hielt er eine Flasche Bier.

"Ich heiße K.", sagte K. "Ich fange hier heute als Kundenberater an."

"Kundenberater?" fragte der Mann erstaunt.

"Ja, Kundenberater", sagte K.

"Nun, kommen Sie erst einmal herein", sagte der Mann, der sich dann als "Prokurist Glatt" vorstellte. K. folgte ihm in den dunklen Raum, der aussah wie eine verlassene Bankfiliale. "Wissen Sie", sagte Glatt, "wir brauchen keine Kunden mehr."

"Aber wer hat sie abgeschafft?" fragte K.

"Der Basar", sagte Glatt. "Haben Sie die Kuppeln auf dem Hügel gesehen? Früher war das ein Basar, und wir waren eine Filiale davon. Dann fingen die Händler an, miteinander zu handeln. Manche nennen den Basar seitdem ,Kasino?. Dann hat man begonnen, die Händler durch Computer zu ersetzen."

K. setzte sich niedergeschlagen auf einen der verstaubten Drehstühle. "Was soll ich nun tun?" fragte er. Und fügte trotzig hinzu: "Ich habe eine Zusage, hier zu arbeiten."

Glatt lächelte nachsichtig. "Schreiben Sie eine Mail an den Basar. Falls er tatsächlich antwortet, wissen Sie sicher, woran sie sind: Der Basar hat immer recht."

"Und wenn er nicht antwortet?"

"Nun, dann könnten Sie mir zur Hand gehen", sagte Glatt entgegenkommend. "Ich handele am Computer mit Papieren."

"Was für Papiere sind das denn?" fragte K.

"Das spielt keine Rolle", sagte Glatt verächtlich. "Wo kämen wir hin, wenn der Basar jedem noch erklären müsste, womit er handelt?"

K. sah sich um. "Sind Sie allein?" fragte er.

"Ja", sagte der Mann. Plötzlich lächelte er, und seine Augen bekamen einen Schimmer. "Es ist gut, dass Sie hier sind", sagte er. "Ich frage mich seit langem, ob ich der Letzte in diesem System bin, der noch nicht durch einen Computer ersetzt wurde ..."

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