Wirtschaftsprognosen
Umdenken tut not

Prognosen sind wirklich harte Arbeit. So oder so ähnlich dürften im Augenblick viele Ökonomen denken, nachdem sie aus heiterem Himmel kalt von Ölpreisen, Inflation und Wachstumsabschwächung getroffen wurden. Aber die Standardprozedur des Berufsstands - Gruppendenken, Modellannäherung und lineare Fortschreibung - führt dazu, dass die meisten größeren Vorhersagen naturgemäß daneben liegen.

Prognosen: Wieder eine schlechte Saison für die Wirtschaftsweisen. Das Problem ist allerdings nicht rein saisonal. Zu viele Standardverfahren des Berufsstands führen unweigerlich dazu, die wirklich kritischen Störfaktoren zu übersehen.

Die Prognosen haben sich seit vergangenem Dezember deutlich verändert. Damals lagen laut Consensus Economics die Durchschnittserwartungen für das BIP-Wachstum 2008 noch bei 2,1 Prozent. Im Juni sah das erwartete Wachstum mit einem Mittelwert von 1,5 Prozent schon deutlich magerer aus. Die Vorausschau für Großbritannien zeigt geringere Abstriche, sie reduzierte sich von 1,9 auf 1,7 Prozent. Aber nach den jüngsten Einbrüchen bei den Einzelhandelsumsätzen liegt man mit der Prognose deutlich sinkender Prognosewerte sicher richtig.

Betrachtet man die Inflation, sind die Fehleinschätzungen mindestens genauso beeindruckend. Die Consensus-Economics-Prognose für die Eurozone im Jahr 2008 sieht die Preissteigerungsrate inzwischen bei 3,3 Prozent nach 2,3 Prozent zu Jahresbeginn. In den USA sprang die Inflationserwartung von 2,6 auf 4 Prozent. Ganz zu schweigen von den Ölpreisvorhersagen.

Wie jeder, der die Tarot-Karten liest, ahnen sollte, ist Akkuratesse nicht das eigentliche Ziel der Wahrsagerei - Computermodelle hin oder her. Der Reiz kommt mit der Vorstellung, das Unvorhersehbare zu wissen, und sei es auch noch so unvollkommen. Und die Ökonomen haben da noch ihre ganz eigenen Probleme, die sie zum Teil selbst hervorgerufen haben.

Zunächst ist da das Gruppendenken. Es ist viel einfacher in der Masse Unrecht zu haben - sich beim Untergang bei den Händen fassen zu können - als das Risiko falsch zu liegen allein auf den eigenen Schultern zu tragen. Hinzu kommt, dass die Analysten meist sehr ähnliche Modelle zugrunde legen, sodass die Ergebnisse, wen wundert's, ähnlich ausfallen.

Zu allem Überfluss sind die Standardmodelle auch noch seltsam eingeschränkt, Finanzmärkte oder Zinssätze spielen kaum eine Rolle. Der größte Haken liegt aber darin, dass sie eher die Vergangenheit als die Zukunft prognostizieren. Sie sind so konstruiert, dass sie einflussreiche historische Muster wiedererkennen können - zum Beispiel den Prozentsatz einer Lohnerhöhung den Arbeiter eher sparen als ausgeben oder die Rate, mit der der technische Fortschritt wächst. Die Ergebnisse, werden dann gern unendlich fortgeschrieben.

Dummerweise ist die Vergangenheit ein schlechter Führer. Muster haben die unangenehme Eigenschaft sich zu verändern, manchmal mit unangemessener Eile. Da kommen einem die Immobilienpreise in den USA in den Sinn. Insgesamt könnte es also durchaus sinnvoll sein, die akademischen Prognosemodelle durch ein paar schöne Tarotskarten zu ersetzen.

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