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Wirtschaftswachstum: China und die unglückliche Glückszahl

Ein modernes Sprichwort in China besagt, wenn das Wirtschaftswachstum unter acht Prozent fällt, werden die Massen unruhig. Die Realität ist nicht ganz so simpel. Die wachsende Arbeitslosigkeit ist allerdings eine reale Gefahr. Sie in den Griff zu bekommen ist für China die größte Herausforderung – mit Glück hat das jedoch wenig zu tun.

von John Foley und breakingviews.com

Die Zahl Acht spielt in China eine wichtige Rolle. Als Handynummer oder auf Autokennzeichen ist die Glückszahl heiß begehrt. Es ist kein Zufall, dass die Olympischen Spiele in Peking am 8.8.2008 eröffnet wurden. Aber die Ziffer hat auch noch eine andere Bedeutung. Wenn das Wirtschaftswachstum unter 8 Prozent fällt, so glauben manche, werden die chinesischen Massen das Land in einen brodelnden Hexenkessel verwandeln.

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Diese These haben Politiker und Ökonomen über Jahre hinaus immer wieder verbreitet. Jetzt könnte sie vor der Bewährungsprobe stehen. 2009 soll die Wachstumsrate Chinas nach den Prognosen der HSBC-Volkswirte auf 7,8 Prozent fallen. Der Rückgang - 2007 lag die Wachstumsrate noch bei 12 Prozent - ist vor allem den krisengeschüttelten Industrieländermärkten zu verdanken, die bei den chinesischen Exporte zum Kollaps geführt haben.

Soziale Unruhen sind eine wachsende Bedrohung für China. Die Zahl der gemeldeten Vorfälle stieg zwischen 1994 und 2005 um das beinahe Achtfache - seitdem gibt die chinesische Regierung erst gar keine Zahlen mehr bekannt. Als das Wirtschaftswachstum 1989 von 11 Prozent auf 4 Prozent fiel, kam es zu hässlichen Protestbewegungen. Noch zeigt sich der Staatsapparat gegen Proteste, wie die jüngsten Sitzstreiks von Fabrikarbeitern, tolerant. Sobald die Regierung jedoch beschließt, strategisch einheitlich vorzugehen, dürften nur zwei Optionen bleiben: die Ordnung mit hartem Durchgreifen wieder herzustellen oder die Regierungsgrundlagen neu zu verhandeln.

Glücklicherweise ist die "Theorie der Acht" wahrscheinlich falsch. Nicht der Rückgang der chinesischen Wachstumsrate ist es, der wirklich zählt, sondern vielmehr die Frage, wie sich die Beschäftigung in China entwickelt. Beide Größen verlaufen nicht immer parallel. Ein Zusammenbruch der kapitalintensiven Industriezweige hätte zum Beispiel einen geringeren Einfluss auf die Beschäftigung als ein eher moderater Einbruch der arbeitsintensiven Wirtschaftsbereiche, in denen weniger Kapital steckt. Hinzu kommt, dass die Massen sich nicht nur über Arbeitslosigkeit beschweren. Mit wachsendem Wohlstand steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie lauter gegen Probleme protestieren, die nicht rein ökonomischen Ursprungs sind, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung und Korruption.

Fest steht jedoch, dass die Arbeitslosigkeit steigt. In den Städten hat sie nach Angaben der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaft (Chinese Academy for Social Sciences) bereits eine Quote von 9,4 Prozent erreicht. In der Realität dürfte diese Zahl sogar noch höher liegen, ganz zu schweigen von der offiziellen Arbeitslosenstatistik, die die Arbeitslosigkeit mit 4 Prozent ganz sicher zu niedrig ausweist. Allein im Exportsektor arbeiten nach der HSBC-Statistik rund 50 Millionen Angestellte - rund 4 Millionen davon wurden in diesem Jahr schon entlassen.

Auch die Wirtschaft schwankt inzwischen immer stärker - ein Effekt, der vielleicht größeren Einfluss auf das Leben der chinesischen Massenbevölkerung hat, als irgendeine einzelne Zahl ausdrücken kann. Eine stabile Wirtschaft ruht auf zwei Säulen: Erstens, den Ausgaben von Staat und Verbrauchern, die sich nur langsam verändern - wohl so um ein bis zwei Prozent pro Jahr - und zweitens, auf Investition und Export. Diese zweite Säule trägt mit 51 Prozent zum chinesischen Wachstum bei, kann allerdings um mehrere 10 Prozent pro Jahr schwanken. Der tiefe Fall der Aktien- und Immobilienmärkte trägt ein Übriges dazu bei, das Gefühl einer schnellen, unangenehmen Veränderung zu vermitteln - vor allem vor dem Hintergrund, dass China erst gerade auf drei Jahrzehnte moderner Wirtschaftsgeschichte zurückblickt.

Wird es China gelingen, diese schwierige Periode zu meistern? Die märchenhafte Wirtschaftsentwicklung bis heute legt die Vermutung nahe, es kann. Die Pläne der chinesischen Regierung, 4 Billionen Renminbi zu investieren, werden dabei eine Rolle spielen. Wenn nur 40 Prozent davon frisches Kapital sind, sollte das 2008 und 2009 einen Wachstumseffekt von 3 Prozentpunkten beim BIP auslösen - der allerdings in der Wachstumsprognose von 7,8 Prozent bereits berücksichtigt ist. Wenn das Konjunkturprogramm nur schnell genug umgesetzt wird, dürften zahlreiche echte neue Arbeitsplätze entstehen, in den Küstenstädten genauso wie im Landesinneren.

Die Frage allerdings, was nach der wirtschaftlichen Stimulanz folgt, ist noch offen. Bestenfalls gelingt es China mit der Ausgabenorgie einer verbreiteten Unzufriedenheit entgegenzuwirken und gleichzeitig den Umbau zu einer stärker konsumorientierten Wirtschaft zu bewältigen - in der die Beschäftigung auf breiter Front stabilisiert und damit die Gefahr sozialer Unruhen systematisch eingedämmt ist. Schlimmstenfalls dienen die Ausgaben nur als Notpflaster bis die amerikanische Konjunktur wieder anspringt. Chinas steht vor der Aufgabe, 2009 den besseren Weg auszuloten - und das hat mit Glück nichts zu tun.

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