Wohlwollen schwindet
US-Banken werten London ab

JPMorgan und Citigroup haben sich gerade von ihren Spitzenkräften in der britischen Hauptstadt getrennt. Damit wird mehr Macht zurück nach New York verlagert. In diesen Tagen müssen US-Banken mehr Aufmerksamkeit auf Washington richten, es bleibt weniger Zeit für das Nachdenken über ausländische Aktivitäten. Andere Institute werden auf die Lücke in London aufmerksam.
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London scheint das Wohlwollen US-amerikanischer Banken zu verlieren. JPMorgan und Citigroup sind gerade dem Beispiel von Merrill Lynch gefolgt, indem sie sich von Spitzenbankern in der britischen Hauptstadt trennten.

Tom King, der amerikanische Citigroup-Veteran, der das europäische Investmentbanking leitete, hat seine Stelle gekündigt und die Position einem Briten und einem Spanier überlassen. James Bardrick und Manuel Falco mögen vor Ort anerkannt sein, sie werden es aber schwer haben, sich gegenüber den US-Führungskräften durchzusetzen.

JPMorgan ließ in der letzten Woche kurzerhand Bill Winters fallen, ihren in London ansässigen Co-Chef des Investmentbanking. Damit verbleiben im operativen Leitungsgremium nur noch Vorstände aus den USA, in einer Bank, deren Verwaltungsrat durchgängig mit Amerikanern besetzt ist.

Jamie Dimon flog zwar über den Atlantik, um sein Londoner Personal zu beruhigen, aber für einige Mitarbeiter könnte sein Besuch nur eine Erinnerung daran gewesen sein, dass der JPMorgan-Chef sein oft verkündetes Ziel nicht erreichte, mehr Zeit im Londoner Finanzdistrikt zu verbringen. Auch das Schicksal des Gemeinschaftsunternehmens mit der britischen Bank Cazenove hängt in der Schwebe.

Die Bank of America steht vor weiteren Herausforderungen, weil ihr die Auslandserfahrung von JPMorgan und Citigroup fehlt, ihre relativ neue Merrill-Lynch-Sparte aber äußerst global ist. Die Bank hat Probleme, sich neu zu formieren, nachdem massenhaft Führungskräfte zu anderen Banken abwanderten, darunter die Hälfte der sechsköpfigen europäischen Führungsmannschaft.

Die nahezu gleichzeitige Abwertung Londons auf der höchsten Ebene dreier Banken mag eher Zufall sein, sie fällt aber zusammen mit ähnlichen Veränderungen auf unteren Ebenen. Die früher übliche Flut amerikanischer Banker, die nach London gingen, hat sich zum Rinnsal abgeschwächt.

Die Welt hat sich verändert. Banken aus den USA müssen mit Hilfen der Steuerzahler leben, mit wiedererstarkten Aufsichtsbehörden und kritischeren Politikern. Sie müssen mehr von ihrer Aufmerksamkeit und ihrem Kapital zuhause einsetzen.

Die Herabstufung Londons durch die Amerikaner hinterlässt eine Lücke, die andere gerne schließen wollen. Verglichen mit ihren US-Rivalen haben Barclays, Credit Suisse und die Deutsche Bank internationalere Führungsmannschaften und weniger nationale Bindungen, die es zu beachten gilt. Jede dieser Banken tut sich aber schwer, Marktanteile von den Amerikanern zu gewinnen. Die japanische Bank Nomura erledigte dies in einem großen Schritt, indem sie Teile von Lehman Brothers schluckte. Bis die US-Banken zur Wiederentdeckung ihrer anglophilen Tendenzen bereit sind, wird es viel schwerer für sie sein, in London erneut Fuß zu fassen.

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