Zentralbanken
Nichts dazu gelernt

Vor ein paar Jahren behaupteten die für die Geldpolitik Zuständigen, spekulativen Übertreibungen ein Ende zu bereiten, gehöre nicht zu ihren Aufgaben. Trotz der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten ist der Vize-Chairman der US-Notenbank, Donald Kohn, immer noch dieser Ansicht. Er sollte noch einmal darüber nachdenken. Schnell steigende Preise der Vermögenswerte senden gewöhnlich ein verlässliches Signal dafür aus, dass das Finanzsystem nicht richtig funktioniert.
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Bei Donald Kohn hat die schlimmste Rezession seit Jahrzehnten nicht zu einem Umdenken geführt. Die Zentralbanken sollten weder versuchen, spekulative Übertreibungen bei Vermögenswerten zu vermeiden noch ihnen ein Ende zu setzen, hatte der Vize-Chairman der US-Notenbank Federal Reserve in dieser Woche gesagt. Er sollte noch einmal darüber nachdenken.

Kohn räumte zwar ein, dass irgendjemand etwas gegen die exzessiv hohen Preise der Vermögenswerte und die überzogene Kreditvergabe hätte unternehmen sollen. Er legte nahe, dass die Bankenaufsichtsbehörden in makroprudenziellen Begriffen denken sollten, auch wenn er sich nicht dazu äußerte, ob er der Meinung ist, dass die Fed sich in dieser Hinsicht vor ihrer Verantwortung gedrückt hat.

Doch indem er zum Ausdruck brachte, dass die Notenbanken spekulative Übertreibungen nicht erkennen können, und dass die Geldpolitik ein stumpfes Instrument ist, um diese Blasen aufzustechen, hörte sich Kohn wie Alan Greenspan an, der als Vordenker der wirtschaftlichen Stabilität vergöttert wurde, während er die US-Zentralbank leitete. Im Rückblick sieht Greenspans Ansatz allerdings viel zu eng gefasst aus.

Es stimmt sicherlich, dass die sehr niedrigen Leitzinsen nicht die einzige Ursache für die Inflation der Asset-Preise darstellten, die sich als genau so gefährlich erwiesen hat wie die Teuerung der Einzelhandelspreise. Handelsungleichgewichte und eine lasche Finanzaufsicht spielten auch eine wichtige Rolle dabei. Aber das billige Geld ermöglichte es den Investoren und den Banken, sich kostengünstig mit Fremdkapital einzudecken, und versetzte die Verbraucher in die Lage, mit geringem Aufwand Mittel aufzunehmen.

Das Argument von Greenspan und Kohn, dass spekulative Blasen schwer zu identifizieren sind, ergibt wenig Sinn. Sicher kann man sich über die Fair Value-Bewertung streiten und es kann zu Verlagerungen bei den relativen Preisen kommen. Aber nach dieser Rezession, die auf eine Spekulationsblase folgt - und nach den vielen anderen, die ihr vorangegangen sind -, sollten die Aufsichtsbehörden eigentlich keines weiteren Beweises mehr bedürfen, dass von schnell steigenden Preisen der Vermögenswerte eine destabilisierende Wirkung ausgeht.

Natürlich kann sich Finanzkapital sehr viel rascher bewegen als Fabriken und Ausrüstungen, und die Stimmungen der Investoren ändern sich viel schneller als der Geschmack der Verbraucher. Aber gleichzeitig ablaufende pauschalisierte Preiserhöhungen bei mehreren Asset-Klassen sollten als verlässliches Zeichen dafür erachtet werden, dass Geld und Kredite zu ungehindert in gefährliche Richtungen fließen.

Kohn mag Recht haben, wenn er sagt, dass zum jetzigen Zeitpunkt die Gefahr einer weiteren Blase bei den Vermögenswerten geringer ist als das Risiko, die zerbrechliche Erholung abzuwürgen. Aber er liegt falsch, wenn er andeutet, dass die Notenbanker das Wiederaufleben der Asset-Märkte nicht mit ein wenig Angst und Schrecken betrachten sollten.

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