Zinsen
Brasilien: Ein Vorbild für die Welt

Mit 11,25 Prozent liegen die Kurzfristzinsen in Brasilien noch um mehr als fünf Punkte über der Inflationsrate. Das eröffnet dem Land einen immensen Spielraum, um seine Wirtschaft über monetäre Maßnahmen weiter anzukurbeln. Brasilien hat während des globalen Niedergangs dasselbe Schicksal erlitten wie andere Länder, aber seine Erholung könnte sich schneller vollziehen und robuster ausfallen.
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Der Banco Central do Brasil hat in dieser Woche seine maßgeblichen Selic-Kurzfristzinsen um 1,5 Prozentpunkte gesenkt. Doch selbst mit 11,25 Prozent liegen sie immer noch um mehr als fünf Punkte über der Inflationsrate des Landes. Das eröffnet Brasilien einen immensen Spielraum, um seine Wirtschaft über monetäre Maßnahmen weiter anzukurbeln. Brasilien hat während des globalen Niedergangs dasselbe Schicksal erlitten wie andere Länder. Aber seine Erholung sollte sich schneller vollziehen und robuster ausfallen.

Da die brasilianischen Ausfuhren von Rohstoffen beherrscht werden, ist Brasilien von dem kräftigen Preisverfall in diesem Sektor gegen Ende 2008 in Mitleidenschaft gezogen worden. Daher überrascht es nicht, dass der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit 3,6 Prozent im vierten Quartal 2008 relativ stark ausgefallen ist - das ist mehr als doppelt so hoch wie die Verringerung in den USA, die 1,6 Prozent (6,2 Prozent auf das Jahr hoch gerechnet) betragen hatte. Auch die brasilianische Zahlungsbilanz hat unter dem Preisrückgang gelitten. Derzeit hinken die Exporte um 21 Prozent hinter dem Vorjahresniveau her.

Ausgehend von vorhergehenden Konjunkturzyklen würde das Land jetzt in Schwierigkeiten stecken. Die Auslandschulden Brasiliens waren hoch, die Staatsausgaben unterlagen einer miserablen Kontrolle, immer wieder kam es zu hyperinflationären Tendenzen. Eine auf Expansion angelegte Steuer- und Monetärpolitik hatte fast ständig zu einem Zusammenbruch der Währung geführt.

Doch seit 2002 sind die Nettoauslandsschulden auf nur noch 36,3 Prozent des BIP heruntergefahren worden, schreibt Lombard Street Research. Wenn die Devisenreserven der Zentralbank berücksichtigt werden, dann steht die Regierung per Saldo als Dollar-Gläubiger da. Zudem beläuft sich das Etatdefizit nur noch auf 1,5 Prozent des BIP und liegt damit weit unter den historischen Ständen.

Da das Zinsniveau so hoch ist, braucht Brasilien kein großes Konjunkturpaket, das die enormen Fortschritte unterminieren könnte, die das Land hinsichtlich des Budgets und der Schulden gemacht hat. Stattdessen kann sich Brasilien auf die monetäre Konjunkturbelebung verlassen, indem das Land es zulässt, dass die kurzfristigen Zinsen zurückgehen und so die Binnennachfrage ankurbeln und die Rentabilität der Unternehmen im Inland und die Investitionen steigern. Da derzeit die Gefahr nicht gegeben ist, dass übertrieben niedrige Zinsen die Inflation anheizen, dürften monetäre Anreize wahrscheinlich schneller greifen als fiskalpolitische Stützungsmaßnahmen und noch dazu ohne deren unangenehme Nebeneffekte eines Budgetdefizits und der Verdrängung des Privatsektors.

In der Lombard-Studie heißt es, die brasilianische Wirtschaft und die dafür Verantwortlichen seien "in einer verdammt guten Verfassung". Das ist vielleicht etwas übertrieben. Doch die Aussichten Brasiliens auf eine schnelle Erholung sehen günstig aus und die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer sich lange hinziehenden Rezession kommt, ist nur mäßig ausgeprägt. Das sind die Vorteile einer aus der Mode gekommenen Monetärpolitik der hohen realen Zinsen.

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