Zinsentscheid
Fed: Schon wieder gekniffen

Nach der Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte durch die Fed haben die Aktien an der Wall Street nachgegeben. Die Marktteilnehmer hatten sich mehr erhofft. Und der Zinsschritt wird sich kaum auf das eigentliche Problem auswirken: auf den Giftmüll in den Bilanzen der Banken. Aber er könnte die Inflation anheizen. Anstatt weiterhin die Wall Street zu beschwichtigen, muss die Fed zu der Unerschütterlichkeit eines Paul Volcker zurückfinden.

Die Marktteilnehmer an der Wall Street hatten auf eine Senkung des Zielsatzes für Fed Funds um 0,50 Prozentpunkte gehofft. Oder wenigstens beim Diskontsatz, zu dem Banken Ausleihungen bei der US-Notenbank Federal Reserve vornehmen. Deshalb haben die Aktien kräftig nachgegeben, nachdem der Offenmarktausschuss der Zentralbank angekündigt hatte, beide Sätze jeweils nur um einen Viertelpunkt zurückzunehmen.

Der Schritt wird nur geringe Auswirkungen auf das eigentliche Problem haben: den Giftmüll in den Bilanzen der Banken, der mit dafür verantwortlich ist, dass die Interbankenmärkte dicht gemacht haben. Vor dem Hintergrund einer kräftigen globalen Industrieproduktion werden niedrigere reale Zinsen die Inflation anheizen. Anstatt die Zinsen zu senken, um die Wall Street zu beschwichtigen, muss die Fed zu der Unnachgiebigkeit eines Paul Volcker zurückfinden.

Der fehlende Zusammenhang zwischen dem Fed-Funds-Satz und den Geldmärkten wird vom Libor - das ist der Zinssatz, zu dem sich international tätige Banken in London Gelder bei anderen Banken verschaffen - veranschaulicht: Der Dreimonats-Libor wurde am Dienstag mit 5,11 Prozent gehandelt und lag damit weit über dem Zielsatz für Fed Funds von 4,50 Prozent vor der jüngsten Zinssenkung und mehr als zwei Prozentpunkte über der Rendite der dreimonatigen US-Schatzwechsel. Der Fed Funds-Satz ist nicht das Thema. Benötigt wird die Zufuhr von Mitteln, um den Interbankenmarkt wieder aufzutauen, wie die 60 Mrd. Euro, die die Europäische Zentralbank im Verlauf des gestrigen Tages zur Verfügung gestellt hatte.

Der Schlamassel um die US-Hypothekendarlehen zweitklassiger Bonität hat zu einem Vertrauensverlust unter den führenden internationalen Banken geführt. Und das zu Recht, wie die erneuten Abschreibungen über zehn Mrd. Dollar bei UBS am Montag demonstriert haben. Die Großbank hatte schon einmal drei Mrd. Dollar abgeschrieben, die angeblich hätten ausreichen sollen, um das Subprime-Problem der Schweizer anzugehen. Auch der Chairman von Freddie Mac hat angekündigt, weitere Abschreibungen über 5,5 Mrd. bis 7,5 Mrd. Dollar vornehmen zu müssen, wodurch sich das im vergangenen Monat neu erlöste Kapital über sechs Mrd. Dollar wieder in Luft auflöst. Die Unsicherheiten der Banken über die Solvenz ihrer Gegenpartei sind so groß wie seit 1982 nicht mehr. Die Zinsen haben damit wenig zu tun.

Die Zinsrücknahmen der Fed (vor der letzten Senkung) von 5,25 Prozent auf 4,5 Prozent waren zeitlich mit einer Erhöhung des Rohölpreises von 70 Dollar auf über 90 Dollar je Barrel zusammengefallen. Das ist kein Zufall. Die realen Zinsen sind weltweit sehr tief und die globale Wirtschaft weist Zeichen der Überhitzung auf. Ungeachtet einer möglicherweise einsetzenden Rezession in den USA - und bei einem Wachstum im dritten Quartal, das mit 4,9 Prozent angegeben worden ist, ist ein Abschwung noch ganz und gar nicht sicher -, braucht die Welt als Ganze bedeutend höhere Zinsen oder sie wird sich einem Wiederaufleben der Teuerung wie in den siebziger Jahren ausgesetzt sehen.

Beim letzten Mal, als die Inflation außer Kontrolle geraten war, nämlich 1979, hatte es der Härte eines Paul Volcker am Ruder der Fed bedurft. Er hatte die Inflation abgekühlt, indem er den Zielsatz für Fed Funds auf 20 Prozent angehoben hatte. Eine ähnliche Standhaftigkeit, die die Klagen der Wall Street ignoriert, wird jetzt wieder gebraucht.

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