Zweifelhafte Politik
Inflation ist keine Lösung

Einige Experten plädieren bewusst dafür, die Inflation anzuheizen. Aber selbst wenn das den Realwert des weltweiten Schuldenbergs reduzieren würde, auch die Ersparnisse der Menschen wären entwertet - und die moralischen Grundfesten des Kapitalismus erschüttert.

Inflation ist unser Freund. So lautet der verführerische Gedanke, den eine wachsende Armee von Wirtschaftsgurus verbreitet. In einer deflationären Welt brauchen wir eine Politik, die gezielt die Inflation anheizt, sagen diese Experten. Denn dann verringere sich der "reale" Wert der weltweiten Schulden, die Banken könnten wieder genesen, Häuslebauer müssten nicht mehr mit ihren Hypotheken kämpfen, Leveraged Buyouts würden nicht mehr in einem Meer von Schulden ertrinken und der Rest der Menschheit könnte wieder zum Tagesgeschäft übergehen. Diese Position vertritt zum Beispiel der britische Hedgefondsmanager Crispin Odey. Auch Edward Hadas von Breakingviews argumentiert so. Aber sie haben unrecht.

Zunächst einmal ist es zweifelhaft, ob die vorgeschlagene Behandlung überhaupt wirkt. Wenn ein Land ankündigt, in Zukunft Inflationspolitik betreiben zu wollen - also zum Beispiel über den Verlauf der nächsten Jahre eine Preisniveausteigerung um insgesamt 20 bis 30 Prozent anzustreben - geriete der Rentenmarkt in helle Aufregung. Die Regierung müsste über höhere Zinsen dafür sorgen, dass das Vertrauen der Anleger erhalten bleibt.

Natürlich könnten die Politiker auch entscheiden, den Markt für Festverzinsliche zu ignorieren, wenn sie wirklich wild entschlossen sind, die Inflation anzukurbeln. In diesem Fall müssten sie nur die Notenpresse anwerfen. Aber eine solche Entwertung der Währung könnte auch leicht zu einer Hyperinflation führen. Das hieße, dass die Menschen schließlich wieder auf den Tauschhandel reduziert würden. Jeder, der Kredit in fremder Währung aufgenommen hat (nicht jedoch in lokaler), würde zahlungsunfähig werden.

Aber stellen wir uns einmal vor, die Inflationsmedizin habe kurzfristig gewirkt. Auch in diesem Fall wären die langfristigen Auswirkungen dramatisch. Die Sparer würden sich zu recht beraubt vorkommen. Geht man davon aus, dass sie zu den wenigen Helden der derzeitigen Krise gehören - sie haben mit ihren Ressourcen sorgfältig gewirtschaftet, während andere sich bis an die Halskrause verschuldet haben - so wäre das in höchstem Maße ungerecht. Und es würde ein falsches Signal aussenden. Warum sollte in Zukunft noch irgendjemand sparen? Viel besser ist es doch, sich unter den verschwenderischen Schuldenmachern einzureihen, die gute Chancen haben ganz offiziell gerettet zu werden.

Eine bewusste Inflationspolitik würde die moralischen Grundfesten des Kapitalismus erschüttern. Der Staat sollte sich darauf nicht einlassen.

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