Zweistellige Inflation
Doppelstöckige Kakerlakenfalle

Die Zahl der Länder, die unter einer Inflation im zweistelligen Bereich leiden, hat sich im vergangenen Jahr versechsfacht. Diesem Club beizutreten, zieht üblicherweise Preiskontrollen nach sich. Aber sie greifen nicht und schließlich können nur politisch brisante Zinserhöhungen zu einem Ausweg führen. Um dies einzusehen, braucht es Zeit und Mut.

Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Mitglieder im Club der zweistelligen Inflation von zwei auf zwölf erhöht, wobei Russland, die Türkei und Venezuela zu den wirtschaftlich wichtigsten Vertretern gehören. Wenn ein Land dieser unglückseligen Gruppe beitritt, dann führt es üblicherweise Preiskontrollen ein. Diese verzerren die Wirtschaft und können die Teuerung nicht eindämmen, die weiter ernsthaften wirtschaftlichen Schaden anrichtet. Schließlich können nur politisch brisante hohe reale Zinsen die Teuerung mindern. Aber um dies zu erkennen, brauchen die Regierungen Zeit und Mut.

Steigende Rohstoffpreise und eine hohe globale Liquidität haben die aufstrebenden Märkte stärker beeinflusst als die industrialisierten Volkswirtschaften. In den Emerging Markets ist der Preisauftrieb vielerorts auf ein zweistelliges Niveau geklettert und daran ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Wirtschaftsmanagement Schuld. Während Venezuela, Russland und Argentinien (das eine zweistellige Inflation aufweisen würde, wenn es reale Daten vorlegen würde) tatsächlich schlecht geführt werden, zeigen auch die drei baltischen Staaten, deren Wirtschaftspolitik generell für gut befunden wird, eine kräftig wachsende Inflation. In die baltischen Länder sind enorme Mengen an ausländischem Kapital geflossen und haben Zahlungsbilanzdefizite und eine Teuerung im zweistelligen Bereich hervorgerufen.

Neun der zwölf Mitglieder im Club der zweistelligen Inflation weisen negative reale Zinsen auf, wobei der Durchschnitt bei minus 6,2 Prozent liegt. In ihrem Fall wird sich der Preisauftrieb nur noch beschleunigen. Die Politiker fangen gewöhnlich damit an, eher die Symptome als die Krankheit selbst anzupacken. Sie führen daher Preiskontrollen bei Waren ein, deren Preise am schnellsten zulegen. Erst nachdem diese Kontrollen zur Verknappung und zu weiteren wirtschaftlichen Verzerrungen geführt haben, finden sich genug Befürworter für eine Verschärfung der Geldpolitik.

Die anderen drei Club-Mitglieder bedienen sich bereits der Geldpolitik, um die Teuerung anzupacken. Einem davon, Island, sind Auslandsinvestitionen zugeflossen, die weit über die Aufnahmekapazitäten der bevölkerungsarmen Insel hinausgehen. Südafrika ist zwar politisch linksgerichtet, aber das Land verfügt über moderat positive Realzinsen, die zumindest den Zuwachs der Inflation eindämmen, wenn sie sie schon nicht verringern können. Und schließlich zeigt sich die Türkei, nachdem das Land 2002 eine Hyperinflation erlebt hat, bewundernswert standfest in ihren Bemühungen, die Geldentwertung jetzt aktiv zu bekämpfen. Die kurzfristigen realen Zinsen liegen hier bei 8,6 Prozent. Alle Club-Mitglieder sollten sich das Beispiel Brasiliens genau ansehen. Die Südamerikaner hatten hohe Zinsen dazu eingesetzt, um die Inflation auf fünf Prozent zu drücken. Sie wurden mit einem Aufschwung belohnt, der nicht von Inflation begleitet war.

Aber die Misere des türkischen Regierungschefs Recep Erdogan zeigt, dass der Angriff auf die Inflation politisch mit hohen Kosten verbunden sein kann. Die Zinsen anzuheben, kann dazu führen, dass die Politiker plötzlich nur noch von sehr wenigen treuen Freunden umgeben sind. Da es der Regierung Erdogan drohen kann, für nicht verfassungsgemäß erklärt zu werden, könnte er eigentlich alle Verbündeten brauchen, derer er habhaft werden kann. Umso bemerkenswerter ist der Mut, mit dem er seinen wirtschaftlichen Feldzug verfolgt.

Quelle: breakingviews.com

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