140 Jahre SPD
Kommentar: Sozial ist, was Arbeit schafft

Als Ferdinand Lassalle am 23. Mai 1863 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und damit die Urzelle der SPD gründete, war er bereits als Politiker bekannt, der sich die Bildung der unteren Schichten auf die Fahnen geschrieben hatte.

Die in der Blütezeit der Industrialisierung tatsächlich noch entrechtete Arbeiterschaft sollte nach Lassalles Willen primär am Privileg des Wissens teilhaben – damals wie heute der Schlüssel zu Arbeit, Lohn, Brot und mehr Gerechtigkeit.

140 Jahre nach ihrer Gründung weht der SPD ein rauer Wind ins Gesicht. Im fünften Jahr ihrer Regierung muss sich die Traditionspartei widerstrebend das bittere Eingeständnis machen, dass die deutsche Gesellschaft damit begonnen hat, die längst überwunden geglaubten sozialen Klassenschranken wieder aufzurichten. Nicht die Herkunft entscheidet heute über „oben“ und „unten“, sondern Bildung und ein sicherer Arbeitsplatz. Jeder zehnte Erwerbsfähige hat keinen Job – Tendenz steigend. Repräsentierten die Arbeiter zu Lebzeiten von Wilhelm Liebknecht und August Bebel noch die untere Klasse der Gesellschaft, so sind es heute diejenigen, die massenhaft und oft auf Dauer vom Arbeitsleben ausgeschlossen sind. Versperrt ist damit den Betroffenen auch die gleichberechtigte Teilhabe an Wohlstand, Weiterbildung und sozialer Anerkennung.

So gesehen, kämpfen die Gewerkschaften unverdrossen für die Klasse der (Arbeitsplatz)-Besitzenden. Die SPD als moderne Volkspartei dagegen tut gut daran, sich von diesem Klienteldenken zu lösen – auch um den Preis der Trennung von alten, aber unbelehrbaren Gefährten. Bei der überfälligen Neudefinition eines zeitgemäßen Gerechtigkeitsbegriffs sollte sich die Partei ihrer historischen Wurzeln als Anwalt der Besitzlosen erinnern und alles tun, was Erwerbslose wieder zu Besitzern, also zu Arbeitsplatzinhabern macht.

Die Agenda 2010 von Gerhard Schröder ist nur ein erster Schritt auf diesem Weg, wird aber bereits mit dem Godesberger Programm von 1959 verglichen. Der Kernsatz der damaligen SPD-Wende lautete: „So viel Markt wie möglich, so viel Planung wie nötig“. Nahezu ein halbes Jahrhundert nach Godesberg muss die SPD an ihrem 140. Geburtstag eine andere Einsicht umsetzen: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Dass dies nur geht, wenn alle solidarisch etwas Sicherheit und Wohlstand abgeben, sollte Sozialdemokraten nicht schrecken.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%