35-Stunden-Woche
Das Ende eines Irrwegs

  • 0

Der neue IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber ist kein Mann der Illusionen. Er weiß, dass Forderungen, die Arbeitszeit generell weiter zu verkürzen und in Richtung 30-Stunden-Woche zu marschieren, schlicht wirklichkeitsfremd sind. Huber will eine neue, aber ehrliche Arbeitszeitdebatte.

Diese neue Ehrlichkeit tut not. Sieben Wochen hat die IG Metall 1984 mit dem Symbol der aufgehenden Sonne für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche gestreikt und ihn im Tausch gegen eine begrenzte Flexibilisierung der Arbeitszeit auch erreicht. Aber es ist längst nach Sonnenuntergang.

Als die IG Metall 2003 mit dem Slogan „Im Osten geht die Sonne auf“ für die Einführung der 35-Wochen-Stunde auch in den neuen Bundesländern streikte, folgte eine Sonnenfinsternis. Der Streik scheiterte kläglich. Den Beschäftigten war die Sicherung ihrer Arbeitsplätze wichtiger als die Verkürzung ihrer Arbeitszeit. Der „Markstein für eine menschengerechtere Arbeit“, wie Huber die 35-Stunden-Woche nennt, war schon 1984 bei einem Teil der Gewerkschaftsbasis nicht sonderlich populär. Aber noch hat kein IG-Metall-Funktionär den Mut einzuräumen, dass der Kampf um die 35-Stunden-Woche ein historischer Irrtum war. Dabei war die 35-Stunden-Woche außer der damaligen IG Druck keiner anderen Gewerkschaft einen Arbeitskampf wert. Die tarifliche Wochenarbeitszeit lag 2004 im Durchschnitt der gesamten Wirtschaft im Westen bei 37,4 Stunden, im Osten Deutschlands bei 39 Stunden. Die effektive durchschnittliche Arbeitszeit hat Huber für Gesamtdeutschland auf 39,9 Stunden beziffert und hinzugefügt, die Differenz zur tariflichen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden sei so groß wie noch nie.

Folgt man dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB, dann ist die Differenz noch größer. Danach hat die Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten im zweiten Quartal 2006 bei 41,7 Wochenstunden gelegen, die der vollzeitbeschäftigten Männer sogar bei 42,4 Stunden. Im Bauhauptgewerbe werden auch tariflich wieder 40 statt 39 Stunden gearbeitet, im öffentlichen Dienst arbeiten Bundesbeamte 41 und die Beamten einiger Bundesländer bis zu 42 Stunden in der Woche.

Angesichts des verschärften internationalen Wettbewerbsdrucks und der Drohung mit Arbeitsplatzverlagerungen hat etwa ein Viertel aller tarifgebundenen Betriebe mit Betriebsrat tarifliche Öffnungsklauseln genutzt und die Wochenarbeitszeit aufgestockt. Im Gegenzug gaben die Arbeitgeber Beschäftigungszusagen. In der Metallindustrie gibt es Hunderte solcher vom Tarifvertrag abweichenden Regelungen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung.

Die Metalltarife bieten Möglichkeiten zur Arbeitszeitflexibilisierung und -differenzierung. Zwischen 13 und 18 Prozent der Beschäftigten können tariflich dauerhaft 40 Stunden arbeiten, in bestimmten Fällen sogar bis zu 50 Prozent der Beschäftigten. Auch muss die Wochenarbeitszeit lediglich in einem Ausgleichszeitraum von bis zu 12 Monaten, in einigen Fällen von 24 Monaten erreicht werden. Die 35-Stunden-Woche ist nur noch eine Rechengröße für die Arbeitszeitkonten, mehr nicht.

Huber meint, die Arbeitszeitfrage sei nur mit differenzierten Antworten zu lösen. Das zeugt von einem pragmatischen Realismus. Die hochqualifizierten Know-how-Träger benötigen flexible Regelungen mit der Möglichkeit, mehr als 40 Stunden arbeiten zu können, Schichtarbeiter und Ältere brauchen entlastende, kürzere Arbeitszeiten, Frauen familienfreundliche Regelungen.

Die gewerkschaftliche Behauptung, Arbeitszeitverlängerungen seien Job-Killer, ist durch die Realität der Aufschwungjahre 2006 und 2007 widerlegt. Arbeitszeitverlängerung und -flexibilisierung haben längere Betriebsnutzungszeiten ermöglicht und zur Senkung und Stabilisierung der Lohnstückkosten beigetragen. Die deutsche Industrie konnte dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und verhindern, dass der in einigen Branchen herrschende Fachkräftemangel zur Wachstumsbremse wurde. Der Aufschwung und die längeren flexiblen Arbeitszeiten haben die Zahl der Erwerbstätigen bis heute gegenüber 2005 um eine knappe Million steigen lassen. Eine neue, ehrliche Arbeitszeitdebatte muss das zur Kenntnis nehmen.

Kommentare zu " 35-Stunden-Woche: Das Ende eines Irrwegs"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%