50 Jahre Römische Verträge
Europa, mon amour

Man muss die EU ja nicht gleich lieben. Aber warum wird man als bekennender Europäer ständig beschimpft oder – was noch schlimmer ist – belächelt? Es gibt so viele gute Gründe, Europa zu lieben. Gerade nach 50 Jahren Zusammenwachsen.

Wenn man erkennen will, wie gut es einem geht, muss man oft ein paar Schritte zurücktreten. Oder die eigene Lage durch die Brille der anderen betrachten. In diesem Fall sind es ausgerechnet die Amerikaner, die uns alten Europäern den Spiegel vorhalten. „20 Errungenschaften nach 50 Jahren Integration“ betitelt das Magazin Time seine Geschichte zum Jahrestag der Römischen Verträge – und listet erfrischende » 20 Gründe auf, die EU doch zu lieben. Sicher, auf Platz eins steht auch hier ganz staatstragend der Frieden. Auch die Reisefreiheit in allen Facetten ist nicht überraschend. Aber dann folgen Punkte, auf die ich als oft gequälter und selten begeisterter Beobachter der EU nicht so schnell gekommen wäre. Zum Beispiel: die südfranzösischen Landschaften, die es ohneohne die oft gescholtene gemeinsame Agrarpolitik so nicht existieren würden.

Und wer denkt schon daran, dass wir das Internet der europäischen Kernforschungsorganisation Cern verdanken? Dass die Umweltgesetze der EU die Strände des Kontinents gesäubert haben? Dass die Brüssler Deregulierungen den Markt für Billigflieger geöffnet haben? Dass europäische Rechtssprechung für besseren Fußball auf dem ganzen Kontinent gesorgt hat? Derzeit kämpft die Kommission für niedrige Roaminggebühren, und sie hat bereits die Öffnung der Strommärkte oder den europaweiten Autoverkauf erzwungen. Es gibt also handfeste Gründe, die EU zu mögen. Und doch hat die Institution in Deutschland einen grausigen Ruf. Wirtschaftsverbände, Politiker, die Bürger – alle hacken auf Brüssel ein. Europaweit nennen die Menschen in aktuellen Umfrage den Binnenmarkt als wichtigstes Merkmal der EU – doch den Deutschen fällt zuallererst Bürokratie ein.Nur sieben Prozent der Europäer werten den Zustand dauerhaften Friedens als Verdienst der EU, ebenso viele lasten ihr soziale Ungleichheit an.

Haarsträubend fallen die Antworten auf die Frage aus, ob das eigene Leben seit dem EU-Beitritt des Landes besser geworden ist. Kontinentweit sagen dazu magere 24 Prozent Ja, in Deutschland sind es gar nur 22 Prozent. Sind wir denn alle verrückt geworden? Zugegeben, Länder wie Spanien, Portugal und Irland haben von den Subventionen ganz nett profitiert. Aber wenn ein Land in der EU politisch und wirtschaftlich aufgestiegen und reich geworden ist, dann Deutschland. Die Aussöhnung mit den Nachbarn, der Binnenmarkt, die Deregulierung der Wirtschaft, der Euro, die (Markt-)Erweiterung nach Süden und Osten – alles schon vergessen?

Man muss die EU ja nicht gleich lieben. Aber warum wird man als bekennender Europäer ständig beschimpft oder – was noch schlimmer ist – belächelt? Die Hauptverantwortung dafür tragen wohl die Politiker, die kaum eine Gelegenheit auslassen, sich als Sachwalter nationaler Interessen zu profilieren. Notwendige, aber unbequeme Liberalisierungslasten werden gerne Brüssel aufgebürdet. Und auch wir Journalisten gefallen uns immer wieder darin, sinnvolle und sinnlose bürokratische Regelungen ins Lächerliche zu ziehen. Stimmt, es gibt genug Skurrilitäten. Aber dass sich die Kommission mit dem Krümmungsgrad der Spreewaldgurke befasst haben soll, gehört in den Bereich der Fabel. Und selbst das könnte man positiv sehen: Time nennt Europa einen „Himmel der Boulevardblätter“ – weil die Kommission ständig frischen Stoff für sensationelle Geschichten liefere.

Natürlich gäbe es auch einiges Negative über Europa anzuführen. Nicht nur die Regelungswut, auch der Konsenszwang, die quälend langsamen Entscheidungsprozesse, die Zahnlosigkeit der gemeinsamen Außenpolitik oder die Querschüsse der Polen können einen schon in die Depression treiben.Unter dem Strich sehe ich aber keinen Grund, zum 50. Geburtstag die Midlife-Crisis auszurufen. Von Friede, Freude, Eierkuchen sind wir Europäer gar nicht mehr so weit entfernt. Kriege sind in Europa kaum mehr denkbar, weitreichender Wohlstand ist erreicht. Und dass es mit der subjektiven Befindlichkeit nicht ganz so gut aussieht, muss jeder Europäer mit sich selbst ausmachen. Schluss mit dem Gejammere, jetzt ist Feiern angesagt. Der 50. Geburtstag ist ein guter Anlass, eine persönliche europäische Hitliste aufzustellen. Machen Sie Vorschläge in unserem » Forum!

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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