60 Jahre Israel
Israel – Wunder der Normalität

Täglich suggerieren Fernsehbilder, Israel sei ein Land im permanenten Ausnahmezustand. Doch das wahre Wunder 60 Jahre nach der Gründung ist: Israel ist trotz aller Gefahren eine pluralistische Gesellschaft. Ein Kommentar.
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Die bissigsten Judenwitze erzählt man sich in Tel Aviv, die scharfzüngigsten Bemerkungen zur israelischen Politik hört man in Jerusalem. Ganz Israel präsentiert sich zum 60. Geburtstag wie ein einziger großer Debattierclub – egal ob es um Religion, die eigene Gesellschaft, die Weltläufte oder die ungelöste Palästinenserfrage geht. Durch fast jede Familie ziehen sich kleine und große Risse: zwischen orthodoxen Juden und überzeugten Säkularen, zwischen Rechten und Linken, zwischen Falken und Tauben. Israel kann man mit gutem Grund als pluralistischstes Land der Welt bezeichnen – und es steht doch gegen seine Feinde, wenn es hart auf hart kommt, in größter Geschlossenheit.

„Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen“ – mit diesen Worten Theodor Herzls begann der zionistische Traum vom eigenen Judenstaat. Das vielleicht größte Wunder in der an großen Wundern nicht armen Geschichte Israels liegt in seiner pluralistischen Gesellschaft. Die einzige Demokratie im Nahen Osten versinkt eben nicht in Bunkermentalität oder Polizeistaatsfantasien. Israel verfügt zwar über eine der besten Armeen der Welt, widersteht aber jedem Hang zur inneren Militarisierung der Zivilgesellschaft. Auf die Terroranschläge antwortet das Sieben-Millionen-Volk mit aller Härte – aber ohne geistige Verhärtung. Und die Milliardenlasten für Verteidigung und Anti-Terror-Kampf verhindern auch nicht die schnelle Entwicklung zum High-Tech-Wirtschaftswunderland im Nahen Osten.

Tel Aviv gehört heute zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftsmetropolen der Welt. Die Wolkenkratzerkulisse am Meer signalisiert einen neuen Wohlstand. Überall im Land rattern die Baumaschinen und recken sich die Kräne in den Himmel. Biotechnologie und Softwareentwicklung, Hunderte von kleinen und kleinsten Exportunternehmen treiben die Modernisierung der Volkswirtschaft voran. Sosehr auch die ständig wiederkehrenden Fernsehbilder aus dem Gaza-Streifen und den palästinensischen Brennpunkten im Westjordanland das Gegenteil suggerieren: Israel befindet sich sechs Jahrzehnte nach seiner Gründung eben nicht in einem Belagerungszustand, der jede Normalität verdrängt.

Gerade wir Deutschen sollten aufhören, Israel ständig durch die Brille des Holocausts oder des schwer lösbaren Palästinenserkonflikts zu betrachten. Genauso wie junge Israelis Deutschland längst nicht mehr allein durch den Tunnelblick auf das Jahrhundertverbrechen der Nazi-Diktatur wahrnehmen.

Juden sind keine besseren und keine schlechteren Menschen als andere. Israelische Politik kommt nicht moralischer und nicht weniger moralisch daher als die anderer Staaten. Und Israel selbst ist heute in fast jeder Hinsicht ein ganz normaler Nationalstaat, der seine Interessen in der schwierigsten geopolitischen Region der Welt durchsetzen muss. Nur eines unterscheidet Israel auch heute noch von so gut wie allen anderen Staaten der Welt: Seine Existenz ist gefährdet, die Grenzen des Staates bleiben umkämpft, solange es keinen Frieden in der Region gibt. Solange dies der Fall ist, gehört es zur deutschen Staatsräson, das Existenzrecht Israels unter allen Umständen zu verteidigen.

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