Abbruch der WTO-Verhandlungen
Das Debakel von Genf

Man muss weit zurückblicken in die Geschichte, um auf ein ähnliches Fiasko wie jetzt bei den WTO-Gesprächen in Genf zu stoßen. Vor 75 Jahren scheiterte in London der Versuch des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, die damaligen Handelsmächte zu einem radikalen Abbau ihrer Zollschranken zu bewegen. Die Folge war ein jahrelanger Handelskrieg, der immense Wohlstandseinbußen kostete.
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Diesmal wird die Welt glimpflicher davonkommen, zumindest auf kurze Sicht. Das Scheitern der seit nunmehr sieben Jahren laufenden Welthandelsrunde wird keinen Wettlauf um höhere Zölle auslösen. Denn die Weltwirtschaft ist heute viel zu eng verflochten, als dass die großen Handelsmächte jetzt den Rückzug antreten.

Langfristig jedoch markiert das Debakel von Genf eine Zäsur immenser Tragweite. Das beginnt damit, dass die Spielregeln des Handels undurchschaubarer werden, weil Abkommen zwischen einzelnen Staaten das bisher global akzeptierte Regelwerk ablösen werden.

Die Welthandelsorganisation (WTO) wird als Schiedsrichter bei Streitigkeiten an Einfluss verlieren. Den Preis wird die Exportwirtschaft erst allmählich zu spüren bekommen, doch er wird hoch sein. Das Handelsklima wird deutlich rauer sein als bisher.

Das Scheitern der WTO-Verhandlungen ist zugleich Ausdruck dieser neuen Komplexität. Vorbei sind die Zeiten einer bipolaren Weltwirtschaft, in der die USA und Europa den Ton angaben und Welthandelsabkommen weitgehend unter sich ausmachten. Machtvoll sind China und Indien auf die Bühne getreten. Sie vertreten knallhart ihre eigenen Interessen, den Freihandel unterstützen sie nur, wo er ihnen nützt. Die alten Industriemächte werden das noch bitter zu spüren bekommen. Genf war nur ein Vorgeschmack.

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