Abgeltungssteuer
Hase und Igel

Fiskus und Fondsanbieter werden sich bis zum Jahresende ein Wettrennen um die künftigen Kapitalertragsteuern liefern.
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Wer „Abgeltungsteuer“ googelt, sieht sofort, worum es geht: Außer der Wikipedia-Seite liefert die Internet-Suchmaschine ausschließlich Angebote zum Steuernsparen. In den Städten findet sich außerdem kaum eine Bankfiliale, die nicht mit großen Plakaten um die Steueroptimierung des Depots wirbt.

Zu beobachten ist das bei jeder Steuerrechtsänderung übliche Hase-und-Igel-Spiel, bei dem zunächst meist der Fiskus der Hase ist, der zu spät merkt, durch welches Schlupfloch ihm die Steuereinnahmen wegfließen.Dann versucht er, die Rollen zu tauschen und flugs die Regeln zu ändern. Mit der Folge, dass die Lobbyisten losrennen, um dies mit Verweis auf den Vertrauensschutz zu verhindern. Seit Amtsantritt der Großen Koalition reagiert der Fiskus dabei sehr viel schneller als früher und in diesem Jahr sogar mit Ansage: Man werde beobachten, welche Produkte zur Steueroptimierung angeboten werden, und das Gesetz entsprechend anpassen, droht Finanzminister Peer Steinbrück (SPD).

Neun Monate vor Inkrafttreten der Abgeltungsteuer bereiten nun beide Seiten das Rennen vor. Das merkt man daran, dass täglich neue Gerüchte in Frankfurt und Berlin kursieren, welche Anlageformen der Fiskus womöglich doch noch unter die neue Pauschalsteuer zwingen könnte, obwohl sie eigentlich nach dem Gesetzeswortlaut nicht darunterfallen dürften. Das jüngste Gerücht umwabert hartnäckig die als höchst lukratives Sparmodell angepriesenen Dachfonds. Da helfen auch die beständigen, durchaus glaubwürdigen Dementis des Finanzministers nichts:Zu groß scheint die Steuerersparnis.

Für die Produktentwickler gibt es eigentlich nichts Schöneres als die Abgeltungsteuer. Kaum je wurde das System der Kapitalertragsbesteuerung so gründlich umgekrempelt wie zum 1. Januar 2009. Neu zugeschnittene Angebote versprechen ein Riesengeschäft in der zweiten Jahreshälfte 2008. Künftig wird auf alle Kapitalerträge eine Steuerpauschale von 25 Prozent plus Soli und Kirchensteuer automatisch von der Bank an den Fiskus überwiesen. Der Systemwechsel ist ein Vorteil für Gutverdiener mit Zinserträgen, die nicht länger den Spitzensteuersatz zahlen müssen. Er ist aber ein Nachteil für langfristige Aktien-Investoren.Denn die einjährige Spekulationsfrist wird abgeschafft: Damit müssen künftig Kursgewinne aus Aktien, die heute nach einem Jahr steuerfrei kassiert werden können, nun immer versteuert werden. Für Aktien und Aktienfonds, die bis 31.12.2008 erworben werden, gilt aber die alte Regel weiter.

Das Steuerprivileg für die langfristige Aktienanlage lässt sich nun mit Dachfonds unendlich verlängern. Sie funktionieren wie ein gemanagtes Aktiendepot, in dem alle Kursgewinne nicht sofort ausgeschüttet, sondern reinvestiert werden. Erst beim Verkauf des Dachfonds oder bei einer baren Gewinnausschüttung fällt die Abgeltungsteuer an. Bleibt der Fiskus bei seiner Ansage, die vielen neuen Dachfonds steuerlich zu akzeptieren, dürfte es bald kaum noch Kleinaktionäre geben, die direkt Aktien halten. Dachfonds könnten am deutschen Aktienmarkt eine ähnliche Dominanz entwickeln wie die großen Pensionsfonds in den USA.

Genau das spricht aus Sicht des SPD-Finanzministers sogar dafür, in diesem Fall nicht mehr ins Gesetz einzugreifen. US-Pensionsfonds mildern mit ihrer sicherheitsorientierten Anlagestrategie extreme Kursausschläge an den Börsen tendenziell ab. In Deutschland könnten Dachfonds zu Kapitalsammelstellen werden, die systemstabilisierend am Markt wirken.Altersvorsorgesparen mit Aktien wäre so nicht, wie viele es befürchten, ein Auslaufmodell, sondern es bliebe durch die Hintertür, aber durchaus politisch gewollt, steuerlich privilegiert.

Dennoch ist es wohl zu früh, sich als Berater oder Anleger darauf zu verlassen, dass Dachfonds abgeltungsteuerfrei bleiben. Anders als die SPD mag die Union die Idee der Kapitalsammelstellen überhaupt nicht. Sobald die Steuerquellen wegen der abflauenden Konjunktur weniger üppig sprudeln als 2007, wird die Begeisterung der Länderfinanzminister über die wohl schnell in Milliardenhöhe steigenden Steuerausfälle durch Dachfonds abkühlen.

Es lässt sich daher heute nur spekulieren, ob die Aversion gegen Kapitalsammelstellen und Steuerausfälle bei der Union größer ist als die eigentliche Grundhaltung vieler Konservativer: Sie wollten das Steuerprivileg für lange gehaltene Aktien eigentlich nie abschaffen. Sicher ist also nur: Das Rennen zwischen Fiskus und Fondsanbietern bleibt spannend. Zurzeit kann man noch Wetten abschließen, wer am Ende Hase und wer Igel ist.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

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