Absolute Mehrheit im Blick
02.Juni 2005: Union im Umfragehoch

Wahlkampf? Noch ist gar kein Wahlkampf. Der Bundestag ist noch nicht aufgelöst, die Vertrauensfrage noch nicht gestellt - noch streiten sich die Experten wie die Kesselflicker, ob das vorzeitige Ende der Legislaturperiode überhaupt verfassungsgemäß ist. Doch wer Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel in diesen Tagen lächeln sieht, der weiß: Da freut sich jemand mächtig, Kanzlerin zu werden - und zwar nicht erst zum regulären Wahltermin im Herbst 2006, sondern bald, sehr bald.

Der Überraschungscoup des Kanzlers nach der verlorenen NRW-Wahl am 22. Mai hat die Union samt ihrer Spitzenfrau Merkel völlig kalt erwischt - und nach einer kurzen Pause der Verblüffung in Champagnerlaune versetzt. Die Christdemokraten können kaum fassen, was ihnen der Kanzler da für ein Geschenk beschert hat: Diese Wahl zu diesem Zeitpunkt, so ist man felsenfest überzeugt - die kann doch gar anders nicht enden als mit einem glänzenden Sieg der Union.

Zwei Tage nach Schröders Coup beginnt die Arbeit am Wahlprogramm: Arbeit, Wirtschaft und Finanzen sollen im Vordergrund stehen. Am Montag darauf nominieren die Präsidien von CDU und CSU Merkel offiziell zur Kanzlerkandidatin. Niemand anders als ihr Rivale Edmund Stoiber, der CSU-Chef und knapp gescheiterte Kanzlerkandidat 2002, hebt Merkel im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin auf den Schild: "Ich werde alles tun, dass Sie die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland werden", ruft er zum Jubel des Parteivolks. Merkel dankt, lächelt und spricht: "Ich will Deutschland dienen." Ihr Wahlkampf solle ehrlich werden, sagt sie. Wenn man den Menschen etwas zumuten will, muss man es ihnen vor der Wahl sagen - das will sie zum Leitmotiv ihrer Kampagne machen.

Die Demoskopen verheißen der Union ein Ergebnis nahe der absoluten Mehrheit - und das politische Berlin zerbricht sich den Kopf darüber, ob das eigentlich im Interesse von Angela Merkel sein kann: Braucht sie nicht die FDP, um die Bremser in der eigenen Partei und die Egoismen der Landesfürsten ausbalancieren zu können?

Und die SPD? Der Kanzler und sein Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering stecken in der heiklen Situation, eine Regierungskrise als verfassungsrechtliche Voraussetzung der Vertrauensfrage zu benötigen. Der erste Versuch, die SPD-Linke haftbar zu machen, schlägt fehl. Der zweite, die Schuld bei den Grünen abzuladen, ebenso. Und aus der Versenkung taucht plötzlich Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine auf, der ein Bündnis der vereinigten Linken fordert und damit eine Lawine ins Rollen bringt, mit der zu diesem Zeitpunkt noch kein Mensch rechnen kann. ms

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