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Adieu Colbert

Der Fall Airbus fördert einmal mehr zu Tage, welches Bild sich die Deutschen von ihrem Nachbarland machen.

Frankreich ist uns zwar lieb und teuer, wenn es um Gastronomie, Mode und Urlaubsfreuden geht. Doch sosehr wir Frankreich bewundern für sein Savoir-vivre, so sehr misstrauen wir den politischen und ökonomischen Eliten jenseits des Rheins. Deren traditionell enge Verflechtung löst hier zu Lande Befremden aus. Während die Deutschen sich selbst gerne als weltoffene Verfechter der freien Marktwirtschaft sehen, genießen die Franzosen den zweifelhaften Ruf der Staatsdirigisten, Nationalisten und Protektionisten. Doch was früher einmal der Wahrheit entsprach, wird langsam zum Klischee. Es stimmt zwar, dass manche französischen Politiker sich bis heute gerne wie Jean-Baptiste Colbert gerieren. Doch sie wissen selbst am besten, dass die Zeit des Sonnenkönigs vorbei ist. Der französische Kapitalismus ist voll und ganz im 21. Jahrhundert angekommen.

Fakt ist, dass die französische Volkswirtschaft die Globalisierung verinnerlicht hat wie kaum eine andere. Rechte wie linke Regierungen haben diese Entwicklung zugelassen. Man betrachte nur die 37 größten Aktiengesellschaften des Landes, notiert im Leitindex CAC 40. Sie sind fast zur Hälfte in ausländischer Hand. Die Banque de France bezifferte den ausländischen Anteil am Börsenkapital mit 46,4 Prozent. Tatsache ist auch, dass der französische Staat sich tendenziell aus der Wirtschaft zurückzieht. In der Finanzwirtschaft hat er fast gar keine Aktien mehr, bei Renault und Air France liegt der staatliche Anteil unterhalb der Sperrminorität, bei France Télécom gab der Staat die Aktienmehrheit ab, und den Energiekonzern Electricité de France öffnete er für private Investoren. Zwar vollzieht sich der Rückzug des Staates langsamer als anderswo, doch der Trend ist ungebrochen.

Und je länger diese Entwicklung andauert, desto mehr stößt der von französischen Politikern immer noch gerne propagierte „ökonomische Patriotismus“ an seine Grenzen. Natürlich versucht die Regierung immer wieder, den Verkauf heimischer Unternehmen an ausländische Investoren zu verhindern. Manchmal gelingt dies:So stoppten politische Interventionen den Verkauf von Danone an Pepsico, den Einstieg von Siemens bei Alsthom und die Fusion von Suez mit der italienischen Enel. Doch neuerdings häufen sich auch die Fälle, in denen politische Abwehrmanöver gegen ausländische Käufer scheitern. Vergeblich versuchte Staatspräsident Jacques Chirac, den Verkauf des Stahlkonzerns Arcelor an Mittal und die Fusion von Euronext mit der New York Stock Exchange auszubremsen. Von einer Allmacht des Staates über die Wirtschaft kann in Frankreich keine Rede mehr sein und von einer nationalen Abschottung auch nicht. Das beweist eine weitere Zahl: Die ausländischen Direktinvestitionen in Frankreich beliefen sich vergangenes Jahr auf 88 Milliarden Dollar. Auf der Rangliste der attraktivsten Investitionsstandorte teilt sich Frankreich mit China den dritten Platz.

Dass die Franzosen ihren zweifelhaften Ruf als Globalisierungsverweigerer nicht loswerden, haben sie in erster Linie ihren Politikern zu verdanken. Die haben die Gesetze des Kapitalismus in der Regel zwar sehr gut verstanden und richten sich auch mehr und mehr danach. Doch das kommunizieren die politischen Eliten in der Regel weder nach innen noch nach außen. Stattdessen bedienen sie die alten Vorurteile. Die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal wettert gerne gegen die „einfachen Profite, die faulen Profite, die gierigen Profite, die arroganten Profite“. Staatspräsident Jacques Chirac machte seinerseits mehr als einmal die angeblich zu liberale Politik der EU-Kommission für Arbeitsplatzverluste im Land verantwortlich. Aber kaum einer wirbt für die Weltoffenheit der französischen Wirtschaft und den daraus resultierenden Vorteilen. Dass die Deutschen von dieser Weltoffenheit nicht viel merken, hat im Übrigen einen anderen Grund. Die beiden größten Industriestaaten Europas rivalisieren kräftig um die ökonomische Vorherrschaft auf unserem Kontinent. Deshalb kann es gerade einem deutschen Investor passieren, dass Frankreich ihm die Tür vor der Nase zuschlägt.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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