Afghanistan
Analyse: Ins Mark getroffen

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Man kann den radikal-islamischen Taliban in Afghanistan vieles vorwerfen. Mangelndes Gespür für die Schwächen ihrer Gegner aber nicht. Denn bei der Entführung der beiden Deutschen, die schon ein Todesopfer gefordert hat, beweist die Organisation, wie gezielt sie mit Ängsten spielen kann. Die Angriffe auf die zivilen Helfer treffen die in Afghanistan engagierten Nationen ins Mark.

Es ist gerade einmal ein Jahr her, dass die Europäer in Washington Druck für eine veränderte Strategie machten. Seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2002 hatten die Sieger zu viel Gewicht auf das militärische und zu wenig auf das zivile Vorgehen gelegt. Zwar hatten sich besonders die Deutschen von Anfang an mit ihren Wiederaufbauteams für ein Modell entschieden, das die militärische Schutzkomponente und den zivilen Wiederaufbau verbindet. Aber die anderen Nationen haben in den Regionen, für die sie zuständig sind, den zivilen Bereich meist vernachlässigt. Und auch die Deutschen haben dem schnellen Aufbau einer handlungsfähigen Polizei, Verwaltung und Justiz viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Das langsame Wiedererstarken der Taliban hat in Washington zu einem Umdenken geführt, allerdings erst fünf Jahre nach Kriegsbeginn. Nach und nach setzen die Nato-Staaten nun in ganz Afghanistan Wiederaufbauteams des neuen Typs ein. Die US-Regierung sagte im Frühjahr zu, ihre zivile Hilfe deutlich zu verstärken. Seither gilt auch in Washington die Philosophie: Wo in Afghanistan asphaltierte Straßen, neue Brunnen und Schulen entstehen, haben die Taliban weniger Chance auf eine Rückkehr. Doch zum einen kann man sich fragen, ob der Strategiewechsel nicht zu spät kommt. Zum anderen ändern auch die Taliban ihr Vorgehen. Im Osten und im Süden gibt es zwar weiter die klassischen militärischen Auseinandersetzungen. Aber die Religionsfanatiker tragen ihren Terror mit Selbstmordattentätern nun auch in Regionen des Landes, die bisher relativ stabil waren. Dies soll der lokalen Bevölkerung signalisieren, dass sie mit einer Rückkehr der Taliban zu rechnen haben und die Macht der Isaf-Schutztruppe begrenzt ist.

Zudem haben die Radikal-Islamisten erkannt, dass die schärfste Waffe des Westens nicht etwa eine überlegene Militärmaschinerie ist. Am wirkungsvollsten sind vielmehr die Ressourcen und das Know-how, die der afghanischen Bevölkerung den Alltag erleichtern und den Menschen in dem armen Land eine echte Zukunftsperspektive bieten. Gerade deshalb verlegen sich die Taliban zunehmend auf Attacken auf die Wiederaufbau-Arbeit.

Der gezielte Angriff auf Schulen etwa erfolgt nicht nur, weil nach wie vor ein erheblicher Teil der männlichen afghanischen Machthaber skeptisch eine Ausbildung von Mädchen beäugt. Die Taliban wollen der Bevölkerung bewusst Entwicklungschancen nehmen. Sie brauchen deren Unwissenheit und Rückständigkeit für ihr Überleben.

Die Angriffe auf Entwicklungshelfer haben aber auch einen gefährlichen Effekt in den westlichen Staaten. In Deutschland etwa wird der Einsatz im entfernten Afghanistan damit begründet, dass dies der Entwicklung des Landes und den Menschen diene. Je häufiger aber Entwicklungshelfer Opfer von Anschlägen oder Entführungen werden, desto mehr müssen Regierung und Hilfsorganisationen überlegen, welchen Risiken sie die Helfer noch aussetzen können. Nun droht gerade jener zivile Pfeiler der internationalen Hilfe einzubrechen, den die Europäer als entscheidend ansehen.

Klares Ziel der Taliban ist die „Irakisierung“ Afghanistans. Der Irak dient längst als erschreckendes Vorbild, wie auch eine Supermacht zu schlagen ist. Die desolate Sicherheitslage hat jede ernsthafte wirtschaftliche Entwicklung unterbunden. Militärische Überlegenheit alleine kann dies nicht mehr ändern.

Daraus den Schluss wie die Linkspartei zu ziehen, Afghanistan einfach aufzugeben, ist aber fahrlässig. Afghanistan ist nicht Irak. Solange es eine Chance gibt, das komplizierte, multiethnische Land zu stabilisieren, sollte es der Westen versuchen – mit mehr Schutz, vielleicht mehr Soldaten, auf jeden Fall aber einer noch entschlosseneren Aufbauhilfe. Und, bei aller Betroffenheit, mit einer nüchternen Abwägung, ob wir die Taliban mit unseren Ängsten spielen lassen.

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