Afghanistan
Bomben im Wahlkampf

Die Bundeswehr steht mit dem Luftangriff auf einen Tanklaster in Nordafghanistan schwer unter Druck. Und dennoch: Es bleibt richtig, dass die Sicherheit im Westen und die Machtverhältnisse in Afghanistan sehr viel miteinander zu tun haben. Kehren die Nato-Truppen Afghanistan den Rücken, dann wäre der Schritt zu einer neuen Schreckensherrschaft nicht mehr weit.

Ein taktisches Ziel haben die Taliban erreicht: Die Bundeswehr steht nach den Nato-Bomben auf Tanklaster in Nordafghanistan schwer unter Druck. Der Krieg in Afghanistan und die Rolle deutscher Soldaten werden nun zwangsläufig zum Thema im Wahlkampf. Doch man hüte sich vor übereilten Urteilen. Ob tatsächlich so viele zivile Opfer zu beklagen sind, muss eine Untersuchung ergeben. Die muss schnell erfolgen. Sonst droht die Bundeswehr an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Am Hindukusch angetreten ist sie mit dem erklärten Ziel, dort einen sichtbaren Beitrag zum zivilen Aufbau zu leisten. Dieses Ziel gerät allerdings immer wieder aus dem Blickfeld, denn es hapert bei der internationalen Kooperation. Zusätzlich erschwert wird ihre Aufgabe, weil die Bundeswehr inzwischen an zwei Fronten kämpfen muss: in Afghanistan gegen die Taliban und zu Hause gegen zunehmende Kritik an ihrem Einsatz. Mit Bomben gewinnt die Nato keine Sympathien in Afghanistan. Das ist zweifellos richtig. Aber ein schlüssiges Konzept, wie die immer aggressiveren Taliban zu stoppen sind, haben selbst jene EU-Außenminister nicht zur Hand, die es sich nicht verkneifen konnten, ohne eindeutige Kenntnis der Sachlage den Luftangriff als groben Fehler zu brandmarken.

Die Bundeswehr trägt ohnehin schon schwer an ihrer Rolle. Die Unterscheidung, wer zu den Taliban zählt und wer nicht, wird immer komplizierter. Zu tief sind die Islamisten wieder in die Dörfer eingesickert. Und da es ihnen mehr auf die Wirkung ihrer Propaganda ankommt als auf militärische Erfolge, gehen die Taliban mit dem Leben der Bevölkerung ziemlich skrupellos um. Die erfährt täglich von der steigenden Zahl ziviler Opfer – macht aber die Isaf-Verbände dafür verantwortlich.

Wer wie Lafontaines Linke reflexartig den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordert, verkennt, dass dieser Krieg nur mit einer gehörigen Portion politischer Standfestigkeit geführt werden kann. Es bleibt richtig, dass die Sicherheit im Westen und die Machtverhältnisse in Afghanistan sehr viel miteinander zu tun haben. Kehren die Nato-Truppen Afghanistan den Rücken, dann wäre der Schritt zu einer neuen Schreckensherrschaft nicht mehr weit – mit allen Konsequenzen für den Westen. Davon aus wahltaktischen Gründen abzulenken ist gefährlich.

Gewiss ist der Einsatz der Bundeswehr in weiten Teilen der Bevölkerung unpopulär. Aber politische Wankelmütigkeit, die nun auch die SPD an den Tag legt, verschlimmert die Lage nur noch. Politisch unbequem, aber moralisch ehrlich wäre es, endlich reinen Wein einzuschenken: Die Bundeswehr befindet sich in einem Krieg. Solange die Parteien das nicht eingestehen, geraten sie immer wieder in Erklärungsnöte.

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