Afghanistan-Einsatz
Analyse: Überfordert

Nun steht es fest: Getreu der Struckschen Doktrin wird Deutschland nicht nur am Hindukusch verteidigt, sondern auch in der nordafghanischen Steppe. Soldaten werden in die Region Kundus geschickt und sollen dort eine der geplanten „Inseln“ des Wiederaufbaus bilden.

HB DÜSSELDORF. Und obwohl Zweifel bleiben, ob die geplanten Inseln unter internationalem Schutz wirklich einmal zu einem einheitlichen, stabilen Staat zusammenwachsen, ist es richtig, diesen Schritt in die Provinz zu tun.

Immer deutlicher hat sich nämlich in den vergangenen Monaten gezeigt, dass sich mit der Konzentration auf Kabul das Ziel der Stabilisierung Afghanistans nicht erreichen lässt. Wenn überhaupt, dann kann dies nur durch Arbeit in den Provinzen gelingen. Dafür muss sogar das Risiko eines Rutschbahneffektes in Kauf genommen werden, also die Notwendigkeit eines immer weiter steigenden personellen und finanziellen Beitrags des Westens: Denn der Welt und vor allem den islamischen Staaten muss schließlich bewiesen werden, dass die Intervention unter dem Mantel des Antiterrorkampfes Afghanistan wirklich voranbringt.

Die deutsche Debatte um die Ausweitung des Bundeswehr-Mandates verdeckt dabei, dass es sich um ein mittlerweile bei allen Partnern erkanntes Problem handelt. Die internationale Gemeinschaft hat schlicht unterschätzt, wie viel Engagement auch nach dem Sturz des Taliban-Regimes nötig ist, um die Dämonen der Vergangenheit auf Dauer zu verdrängen. Die Amerikaner machen zurzeit im Irak übrigens eine ähnliche Erfahrung – nur mit wesentlich schlimmeren Folgen, nämlich mehr Toten. Wenn der von Washington im Irak eingesetzte US-Zivilverwalter Paul Bremer nun die immensen Kosten für den Wiederaufbau des Iraks vorrechnet und US-Präsident George Bush eine zunehmend skeptischere amerikanische Bevölkerung um Geduld bitten muss, dann zeigt dies vor allem eins: Der Traum der Militärstrategen im Pentagon, sich nach einem kurzen Sieg schnell wieder aus einem Land zurückziehen zu können, ist ausgeträumt.

Lange wurde verdrängt, dass für Irak und Afghanistan dieselben ungeschriebenen Gesetze der Politik gelten. Greift die internationale Gemeinschaft in innere Verhältnisse eines Staates ein, übernimmt sie automatisch eine teilweise Jahrzehnte dauernde Verantwortung. Schließlich muss eine militärische Intervention nicht nur vor, sondern auch nach einem Krieg legitimiert werden. Nur die positive Entwicklung eines Landes gibt sowohl dessen Einwohnern als auch den Soldaten der beteiligten Armeen das Gefühl, dass die Kriegstoten nicht umsonst zu beklagen sind.

Der Bundesregierung nutzt es dabei herzlich wenig, dass sie darauf verweisen kann, etwa beim Irak-Konflikt genau vor dieser langfristigen Folge-Verantwortung gewarnt zu haben. Zumindest in Afghanistan kann sie sich einem eigenen, dauerhaften Beitrag nicht entziehen. Zwar gibt sich Verteidigungsminister Peter Struck noch optimistisch, wenn er nach den geplanten afghanischen Wahlen 2004 überprüfen lassen will, wie lange die Bundeswehr noch im Land bleiben muss. Doch in Wirklichkeit rechnen schon jetzt alle mit einem jahrelangen Einsatz. Der Wunsch des afghanischen Präsidenten nach einer zehnjährigen Stationierungsgarantie wird nur deshalb nicht erfüllt, weil man befürchtet, diese Zusage könnte die Bemühungen der Zentralregierung in Kabul lähmen, sich selbst darum zu bemühen, die Kontrolle über alle Landesteile zu erlangen.

Die Folge der nun absehbaren langfristigen Auslandseinsätze ist übrigens, dass nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Armeen der USA, Frankreichs und Großbritanniens über einen „overstretch“, also eine Überdehnung ihrer Kapazitäten, klagen. Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld deutete sogar an, dass die USA eine größere Armee brauchen, um angesichts der hohen Anforderungen in Irak und Afghanistan ihre Interventionsfähigkeit überhaupt zu erhalten. Von einem „Dominoeffekt“, also einer schnellen Folge weiterer US-Militäreinsätze, spricht heute niemand mehr.

Ernüchterung tritt auch noch an einem anderen Punkt ein: Weil Kriege eben nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Herzen und Köpfen der Menschen gewonnen werden müssen, relativiert sich der Wert der enormen technologischen Überlegenheit der US-Streitkräfte, die immer auch eigene Verluste minimieren soll. Doch im Irak sind seit dem Zusammenbruch von Saddams Armee bereits mehr US-Soldaten getötet worden als während des Sturms auf Bagdad.

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