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Afghanistan ist nicht überall

Deutschland wird sein Engagement in Afghanistan ausweiten. Im Grundsatz ist diese Entscheidung bereits gefallen, auch wenn sie noch nicht offiziell verkündet wird. Doch die Entscheidung steht in der Logik der bisherigen Afghanistan-Politik der Bundesregierung.

Deutschland wird sein Engagement in Afghanistan ausweiten. Im Grundsatz ist diese Entscheidung bereits gefallen, auch wenn sie noch nicht offiziell verkündet wird. Doch die Entscheidung steht in der Logik der bisherigen Afghanistan-Politik der Bundesregierung. Denn welchen tieferen Sinn hätte eine Beschränkung auf Kabul, wenn es um die Befriedung des ganzen Landes geht – und um die Verhinderung neuer Rückzugsgebiete für Terroristen, wie sie den 11. September 2001 erst möglich gemacht hatten? Afghanistan war ein rechtsfreier Raum und Aufmarschgebiet der Terroristen. Jede Bemühung um Afghanistan hätte ihren Sinn verloren, zöge man sich jetzt zurück. Denn noch immer steht die Stabilisierung des Landes am Anfang. Das ist die unangenehme Wahrheit.

Richtig ist deshalb auch, wenn sich Deutschland an einem strategisch entscheidenden Platz engagiert, etwa in Kundus oder Bamian – und nicht nur wenige Kilometer von Kabul entfernt. Denn so wichtig die Sicherheit der Bundeswehrsoldaten auch ist, so sehr kommt es jetzt darauf an, die Dauerhaftigkeit des Engagements deutlich zu machen. Versprechungen gab es für Afghanistan schon genug.

Doch was wird folgen? Kaum hat die Nato von den Deutschen das ISAF-Kommando übernommen, ihren ersten „Out-of- area“-Einsatz, schon beginnt die Irak-Debatte: Sollen Bundeswehrsoldaten in den Irak geschickt werden, welches Mandat bräuchten sie, wäre eine solche Operation moralisch gerechtfertigt? Doch der Fall Irak liegt anders als Afghanistan oder gar der Balkan. Die Diskussion ist noch immer politisch aufgeladen, ein Irak-Einsatz wäre in der Bevölkerung weit weniger populär, und die Bundesregierung müsste sich stets gegen den Vorwurf wehren, sie setze das Leben von Soldaten aufs Spiel, um die transatlantischen Beziehungen zu reparieren. Doch auch hier gibt es übergeordnete Ziele: Die Frage nach Krieg oder Frieden im Nahen Osten, zwischen Israelis und Palästinensern, kann Deutschland nicht egal sein. Viel wird hier davon abhängen, welche Entwicklung der Irak nimmt. Berlin wird sich dazu verhalten müssen – ob es will oder nicht.

Deutsche Soldaten also am Hindukusch, auf dem Balkan, bald auch im Irak? Vielleicht. Warum nicht in Liberia, im Kongo? Weil jeder Fall anders liegt. Und weil es kein einheitliches Muster für Interventionen gibt.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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