Afghanistan
Überfordert

Wie selbstverständlich ist jedes Jahr von der "traditionellen" Frühjahrsoffensive der Taliban die Rede. Als wäre es normal, dass die "Gotteskämpfer", von denen Afghanistan vor viereinhalb Jahren erst durch einen Krieg befreit werden konnte, immer wieder versuchen, ihre einstige Macht gewaltsam zurückzuerobern. Und ebenso wenig befremdlich findet man es, dass der Präsident dieses Landes in schöner Regelmäßigkeit davor warnt, Afghanistan erneut an die Radikalen zu verlieren.

Abgelenkt durch andere Schauplätze der Gewalt, allen voran der Irak, aber auch durch den israelisch-palästinensischen Konflikt und den Atomstreit mit Iran, entgleitet der Blick auf das Land. Wäre Deutschland nicht mit eigenen Soldaten am Hindukusch engagiert, Afghanistan wäre uns allenfalls noch eine Randnotiz wert. Dies jedenfalls so lange, bis das Land wieder in die alten Strukturen zurückzufallen droht und wieder unkontrollierbar wird.

Doch gerade dieses Szenario bot sich 2001: die fehlende Kontrolle über ein weites Territorium, in dem sich Terroristen in Trainingscamps auf den Kampf vorbereiteten, wo Waffen verschachert wurden und der Drogenhandel die Kassen füllte. Die Taliban scherten sich wenig um Details. Sie ließen geschehen, was sie nicht direkt bedrohte.

Die westliche Intervention gegen diesen Pariastaat, ideologisch ausgelöst durch die Anschläge am 11. September in New York und Washington, war deshalb unstrittig, wurde als gerechter Krieg gegen ein Unrechtsregime interpretiert. Afghanistan sollte zum Fixpunkt richtigen Handelns werden.

Eigentlich sollte sich Afghanistan im fünften Jahr danach also seiner Konsolidierung nähern. Stattdessen bringen die Taliban, wer auch immer das im Einzelnen sein mag, ständig mehr Gebiete unter ihre Kontrolle. Rebellen installieren an Straßen Checkpoints, demonstrieren damit ihre Macht und schüchtern die Menschen ein. Und Taliban-Führer Mullah Omar macht sich via Videobotschaften über Präsident Hamid Karsai lustig.

Eine der Folgen: Das Vertrauen in den Westen schrumpft so sehr, dass ein Autounfall in Kabul genügt, um eine Protestwelle gegen die Befreier von der Taliban-Herrschaft auszulösen. Fast scheint es, als sei der große Kredit, den der Westen vor kurzem noch genoss, völlig verspielt. Wer die Nachrichten der letzten Monate richtig liest, muss feststellen: Afghanistan kommt vom Weg ab. Zumindest von jenem Weg, den der Westen für richtig hält.

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