Afrika
Jenseits der Mauern

Kein Tag ohne Boot. Immer mehr verzweifelte Afrikaner suchen von Mauretanien oder dem Senegal, von Marokko oder Libyen aus den Weg auf die Kanaren oder nach Lampedusa. Seit Jahresbeginn sind es bereits rund 12 000 Menschen, mehr als im gesamten letzten Jahr.

Getrieben werden die Flüchtlinge von Armut und den Erzählungen jener, denen die Flucht geglückt ist. Diese vergleichen die EU oft mit dem Garten Eden. Und für jene, die beispielsweise aus dem Kongo stammen, wo der Bürgerkrieg nun trotz der Eufor-Friedensmission wieder zu eskalieren droht, mag dies in der Tat so sein.

In Madrid und Rom wird inzwischen laut Unterstützung durch die EU eingefordert. Doch in Brüssel spielt man auf Zeit. Eine europäische Miniflotte soll die Küsten zwischen östlichem Mittelmeer und Atlantik kontrollieren. Ob dies den Flüchtlingsstrom eindämmen kann, ist aber mehr als fraglich. Der EU mangelt es an einem Gesamtkonzept.

Umso merkwürdiger mutet es an, dass sich die Europäer vor dem Hintergrund dieser Migrationsströme nicht aktiv engagieren, um die Doha-Runde über den Abbau von Zöllen und Subventionen vor dem Kollaps zu bewahren. Dies wird zwar immer beschworen, so gerade auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch dies sind Lippenbekenntnisse.

Geplatzt ist vorerst jedenfalls die Hoffnung, die fast 150 Mitgliedstaaten der Welthandelskonferenz (WTO) könnten sich doch noch auf ein Abkommen über ein neues, faireres Handelssystem einigen. „Irgendwo zwischen Intensivstation und Krematorium“ sei das Projekt angekommen, diagnostiziert Indiens Wirtschaftsminister Kamal Nath.

Dabei hatten Experten im Fall eines erfolgreichen Abschlusses der Doha-Runde der Weltwirtschaft große Gewinne prophezeit So schätzt die Weltbank, dass durch eine umfassende Öffnung des Welthandels fast 70 Millionen Menschen von Armut befreit werden könnten.

Die großen Verlierer eines Scheiterns der Welthandelsrunde stehen längst fest: die Menschen in den armen Staaten dieser Welt. Sie bleiben auch künftig von den lukrativen Agrarmärkten der Industrieländer weitgehend ausgeschlossen. Dabei ist es, wie die Bootsflüchtlinge dokumentieren, eine ökonomische Notwendigkeit, dass gerade die Entwicklungsländer ihre Produkte auf den Märkten der Reichen verkaufen können. Nur dann können sie in die Weltwirtschaft integriert werden.

Europäer, Nordamerikaner und Japaner stecken Unsummen in die Agrarsubventionen. Die US-Regierung beispielsweise zahlt ihren Farmern für jede Milchkuh 650 Dollar im Jahr. Das ist mehr als das Sozialprodukt pro Kopf in über 30 Ländern südlich der Sahara.

Ein anderes Beispiel liefert Südafrika: Eine Untersuchung seines National Marketing Councils sagt aus, dass die Kaprepublik nach der Öffnung ihrer Agrarmärkte und dem Abbau vieler Subventionen nur noch bei Weinen und Früchten international konkurrenzfähig ist. Hauptgrund ist, dass die Märkte für Zucker und Mais in Europa und in den USA durch die dort gezahlten Subventionen noch immer abgeschottet sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass die ärmeren Länder in bilateralen Gesprächen, wie sie nun folgen werden, auf sich allein gestellt sind und vom Wohlwollen des Stärkeren abhängen. In großen, multilateralen Foren wie der WTO profitieren sie indes von der Unterstützung durch Staaten mit ähnlichen Problemen und können damit den Reichen in einigen Bereichen Paroli bieten.

Natürlich sind die armen Länder an ihrer Wirtschaftsmisere nicht schuldlos. So ist der innerafrikanische Handel auf Grund hoher interner Zollschranken kaum existent. Die weitaus meisten Rohstoffe wie Gold, Kupfer, Tabak oder Kakao werden zumeist immer noch unverarbeitet in den Westen exportiert. Und dies verhindert die Schaffung von Arbeitsplätzen und Prosperität. Eine Umkehr dieser Situation ist aber die Voraussetzung dafür, dass die Armen ihren Lebensunterhalt im eigenen Land verdienen und bleiben können.

Das harte Pochen afrikanischer Flüchtlinge an Europas Türen müsste dem Westen eigentlich Mahnung genug sein, sich im eigenen Interesse wesentlich stärker als bisher für eine Reform des Welthandels zu engagieren.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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