Afrika
Politische Seuche

Die gnadenlose Selbstzerstörung Simbabwes unter Robert Mugabe schreitet nun bereits so lange voran, dass niemand mehr eine Prognose über das Ende seiner Terrorherrschaft wagt.

Immer wenn das Land auf den scheinbar endgültigen Tiefpunkt fällt, geht es anschließend noch weiter bergab. Der wirtschaftliche Niedergang und das soziale Trauma haben inzwischen Ausmaße erreicht, die selbst im afrikanischen Kontext schockieren: In nur acht Jahren ist die Wirtschaft des einstigen afrikanischen Musterstaates um über 40 Prozent geschrumpft - mehr als in Bürgerkriegsländern wie Sierra Leone oder dem Kongo. Zugleich sind rund drei Millionen Menschen aus dem Schreckensreich des Robert Mugabe geflohen.

Die völlig aus dem Ruder gelaufene Cholera-Epidemie und die Gleichgültigkeit des Regimes zeigen nun von neuem, dass Mugabe und die ihm (noch) ergebenen Sicherheitschefs lieber jeden Simbabwer opfern, als von der Macht zu lassen. Mehr als 600 Menschen sind der Seuche offiziell bereits zum Opfer gefallen. Vermutlich liegt die wirkliche Zahl noch höher.

Wieder einmal hat es den Anschein, als ob Mugabe sein Blatt überreizt hätte. Angesichts der Heimtücke des nur um sein Überleben besorgten Regimes wächst der Druck von innen wie von außen. Die Meuterei von Soldaten in der letzten Woche hat den 84-Jährigen derart erschreckt, dass er verfrüht aus Dubai nach Hause eilte und mehr als ein Dutzend Meuterer hinrichten ließ.

Gleichzeitig wächst der internationale Druck. Der britische Premier Gordon Brown und der französische Präsident Nicolas Sarkozy haben die Welt zum Handeln gedrängt. Die EU will ihre personenbezogenen Sanktionen ausweiten. Und einzelne Mitglieder der afrikanischen Zivilgesellschaft wie etwa Südafrikas Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu verlangen, Mugabe bei einem Festhalten an der Macht vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag anzuklagen.

Was vor dem Hintergrund der akuten Notlage des Landes und seiner Menschen aber noch immer fehlt, ist eine klare Verurteilung des Despoten durch den afrikanischen Kontinent und seine Führer. Jahrelang haben sie aus einer falsch verstandenen rassischen Solidarität den Schulterschluss mit Mugabe geübt und sein Unrechtsregime sowohl moralisch als auch materiell gestützt, zuletzt auf einem Sondergipfel der Staatengemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) im letzten Monat. Schon deshalb ist es unmöglich, Mugabe durch eine internationale Kampftruppe zu stürzen, wie einige westliche Revolutionsromantiker dies fordern.

Dabei sollte für Afrika nichts leichter sein, als dem 84-Jährigen endlich die Anerkennung zu verweigern. Bisher hat allein Botswana Mugabe seit der jüngsten Wahlfarce im Juni die Legitimation entzogen. Mehr noch: Der Steppenstaat hat die anderen Länder der Region gedrängt, alle Benzinlieferungen für die simbabwische Armee und Polizei zu stoppen.

Vor allem Südafrika könnte die Herrschaft Mugabes und das Leid der Menschen beenden. Sollte sich der Kapstaat entscheiden, die Grenze zu seinem nördlichen Nachbarn auch nur für kurze Zeit zu schließen, stünden dort alle Räder still. Doch sein im September abgelöster Präsident Thabo Mbeki hat das Regime in Harare zehn Jahre lang bedingungslos unterstützt, und sein Nachfolger zeigt auch keine Eile, Mugabe in die Schranken zu weisen.

Wenn Südafrika der Ansicht ist, dass es seinem Interesse widerspricht, endlich mit mehr Mut gegen Mugabe vorzugehen, könnten andere diese Kosten-Nutzen-Rechnung durchkreuzen. Südafrika ist im Jahr 2010 Gastgeber der Fußball-WM und hat finanziell wie politisch große Summen in dieses Ereignis investiert, das es zu einer großen Party für seine junge Demokratie machen will. Vielleicht wird Simbabwe im Vorfeld dieses Megaevents aber zu dem, was Tibet für die Olympischen Spiele in China wurde: ein Mühlstein, der jede Pressekonferenz und jede Präsentation zur WM 2010 belastet.

Sicher ist, dass der windelweiche Umgang des Kontinents Mugabe in seiner starrsinnigen Haltung bestärkt. Und jeder andere Diktator auf dem Kontinent weiß fortan auch, dass sich Wahlbetrug und Gewalt auszahlen.

Sicher ist auch, dass der Aufbau des von Mugabe mutwillig zerstörten Landes gewaltige Geldmittel verschlingen wird. Sie sollten erst dann fließen, wenn der Diktator und seine Machtclique ihre Hände nicht länger in der Staatskasse haben. Danach braucht Simbabwe die Hilfe des Westens.

Viel mehr noch brauchen seine Menschen aber nun erst einmal die Unterstützung der afrikanischen Nachbarn. Denn wenn das frühere Rhodesien nicht endlich ein festes Fundament für seine Zukunft bekommt, wird sich das einstige Musterland in die Liste der gescheiterten Staaten einreihen.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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