Agrarpreise
Fatale Folgen

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Wenn es schlimm kommt, läuft es wie im Horrorfilm: Der Wissenschaftler starrt auf seinen Bildschirm, sieht eine unerklärliche Kurve und merkt nicht, dass die Katastrophe ihm schon über die Schulter lugt. Ganz ähnlich verhält es sich möglicherweise mit den Nahrungsmittelpreisen. Die Kurve steigt, und die Fachleute fragen sich: Liegt das ganz einfach am Appetit der schnell wachsenden Mittelklasse in den Schwellenländern? Oder baut sich gerade eine monströse Spekulationsblase auf, die arme Länder bald in Hungerkatastrophen und später, nach dem Platzen, die Agrarproduzenten in den Ruin treibt?

Ein Befund ist eindeutig und beunruhigend genug: In zwei Jahren ist der weltweite Agrarpreisindex um 37 Prozent gestiegen. Weizen, Mais, Sojabohnen und Hafer waren noch nie so teuer wie heute. Die einfache Erklärung dafür ist, dass steigender Bedarf der Schwellenländer, Missernten in manchen Erzeugerländern und schließlich auch noch die zunehmende Verarbeitung von Nahrungsmitteln zu Biosprit die Preise treiben.

Doch einige Experten glauben, dass damit ein großer Teil, aber längst nicht alles erklärt ist. Vor allem die Ökonomen der Welternährungsbehörde (FAO) vermuten, dass die rasch zunehmenden Investments in rohstoffbezogene Finanzinstrumente mitschuldig sind am Preisauftrieb - und an der starken Zunahme der Volatilität, also der Preisausschläge.

Agrarpreise sind bekannt dafür, dass sie sich stark nach oben und unten bewegen – das kann kaum anders sein bei einer Produktion, die von den Launen des Wetters abhängt. Deshalb haben die großen Produzenten, vor allem die USA, Terminbörsen wie die immer noch den Preisstandard setzende Chicago Board of Trade (CBOT) geschaffen: Terminverkäufe, Futures, sollen den Landwirten und dem Handel klare Preissignale geben und ihnen durch das „Festnageln“ eines künftigen Preises die nötige Planungssicherheit verschaffen. Futures bändigen die zuckenden Notierungen wie der Cowboy den Mustang. Lange hat das ganz gut funktioniert. Inzwischen funktioniert es nicht mehr. Die Agrarpreise sind außer Rand und Band.

Die durchschnittliche Volatilität der Weizen- und Maispreise, also von zwei der weltweit wichtigsten Agrarrohstoffe, hat sich in nur zehn Jahren fast verdoppelt. Das ist nur ein statistischer Wert, doch dahinter steht eine böse Realität: Immer häufiger laufen die Marktteilnehmer in die Irre, weil sie sich in ihren Erwartungen grob täuschen. Die FAO nennt in ihrem jüngsten Food-Outlook einige besonders krasse Fälle aus den vergangenen zwei Jahren: Ende 2006 nahm nur eine verschwindende Zahl der Marktteilnehmer an, dass der Maispreis um die Hälfte steigen würde. Doch dann erhöhte er sich sogar um 60 Prozent. Kein Einzelfall, denn 2007 waren die Märkte zu 99 Prozent sicher, dass der Weizenpreis allenfalls um die Hälfte zulegen würde. Tatsächlich aber verdoppelte er sich.

Das Beunruhigende an Preisschwankungen ist: Sie jubeln sich selbst immer stärker in die Höhe. Risikoliebende Investoren wie Hedge-Fonds verabscheuen Märkte mit bewegungsarmen Preisen. Sie suchen Produkte mit heftigen Ausschlägen, weil nur so in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen ist. In jüngster Zeit werden sie bei Agrarrohstoffen fündig - und verstärken die Fluktuation, indem sie Hunderte von Milliarden Dollars einsetzen.

Bis zu diesem Punkt sind sich die Ökonomen von Weltbank, OECD, FAO oder Terminbörsen weitgehend einig. Der Dissens beginnt, wenn es um die Schlussfolgerungen geht: Treibt die wachsende Beeinflussung der Agrarmärkte durch spekulative Finanzinstrumente die Nahrungsmittelpreise in die Höhe? Muss die Finanzaufsicht eingreifen?

Von „Anomalitäten“ und dem „Druck der Spekulation“ sprach vor zwei Wochen bei einem eigens anberaumten Hearing der Chef des staatlichen US-Ausschusses für Rohstoff-Futures (CFTC), von einer „Plage, die die Agrarmärkte befallen hat“, gar sein Chefökonom. Doch noch will die CFTC keine schärferen Regeln beschließen.

Die FAO will in den nächsten Wochen ihren Befund veröffentlichen, und einer ihrer Experten sagt schon heute, dass die Terminmärkte ihre Funktion nicht mehr erfüllten: Statt eine verlässliche Orientierung für landwirtschaftliche Investitionen zu geben, veranlassten sie Farmer, aufs falsche Pferd zu setzen.

Es fragt sich, ob die Experten noch viel Zeit mit Diskussionen zubringen sollten. Die Gefahren der Kreditpakete aus Schrotthypotheken wurden so lange geleugnet, bis der Markt zusammenbrach. Den Agrarmärkten sollte man ein ähnliches Schicksal ersparen: Kreditkrisen sind schmerzlich, Agrarkrisen aber haben für viele Menschen fatale Folgen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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