AIR BERLIN
Neue Lasten

Air-Berlin-Chef Joachim Hunold wirkt bei öffentlichen Auftritten derzeit ungewohnt zurückhaltend. Kein Wunder: Für den Ferienflieger Condor zahlt er einen hohen Preis.
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Er lädt sich Lasten und Risiken auf. Nur mit äußerstem Schub und unter besten Bedingungen wird er wieder durchstarten können. Der erste öffentliche Auftritt von Thomas Middelhoff, Chef des Kaufhaus- und Reisekonzerns Arcandor, der Condor bei Air Berlin unterbringen will, und Hunold sprach Bände: „Mein lieber Achim“, rief Middelhoff, rauschte heran, haute Hunold mit der flachen Hand auf den Rücken, grinste sein weißestes, breitestes Grinsen. Hunold, eigentlich auch ein Strahlemann, erwiderte den Gruß weniger euphorisch mit gequältem Lächeln.

Nach DBA und LTU ist Condor für Air Berlin bereits die dritte Übernahme binnen eines Jahres. Die Integrationsarbeit bindet auf Jahre hinaus alle Kapazitäten. Während die Eingliederung der DBA aufgrund der hohen Synergien und ähnlichen Unternehmenskulturen zügig abgeschlossen werden konnte, stellen LTU und Condor größere Herausforderungen dar. Die Produktpalette von Air Berlin wird durch das Angebot von Kurz-, Mittel- und Langstrecken, von Economy- und Business-Class sowie einer Zwei-Marken-Strategie (Air Berlin und LTU) immer komplexer.

Rechtliche Unsicherheiten kommen hinzu. Das Kartellamt muss den Deal noch genehmigen, und so lange hängt Air Berlin in der Luft. Die Fusion dürfte – wenn überhaupt – nur unter strengen Auflagen wie Streckenstreichungen durchgehen. Und dann ist da noch die Deutsche Lufthansa. Die Nummer eins hält noch 24,9 Prozent an ihrem einst eigens gegründeten Ferienflieger Condor. Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber hat drei Optionen. Erstens: Er übt das Vorkaufsrecht aus und übernimmt die Condor wieder ganz. Zweitens: Er akzeptiert die Fusion und gibt das Viertel an Condor schon jetzt frei. Und drittens: Er behält den Anteil bis zum vereinbarten Zeitpunkt und kassiert dann den vereinbarten Preis. Die dritte Variante ist die wahrscheinlichste. Die Fusion könnte dann erst 2010 zu 100 Prozent vollzogen werden.

Das sind Lasten und Unsicherheiten, die Air Berlin und Hunold in der nächsten Krise – ausgelöst durch Terror, Kriege, Epidemien oder Wirtschaftsabschwung – in äußerste Bedrängnis bringen könnten. Die Finanzgemeinde beobachtet Hunold nicht nur deshalb mit Argusaugen. Ihn und seinen Aufsichtsratschef Johannes Zurnieden belasten Untersuchungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) prüft einen möglichen Verstoß gegen Informationspflichten.

Doch was hatte Hunold für eine Wahl? Hätte er jetzt nicht zugegriffen und sich die Condor gesichert, dann hätte sich Middelhoff womöglich noch mit Mayrhuber geeinigt. Mit dem Vorstandschef der Lufthansa hat Middelhoff nämlich parallel verhandelt. Dieser Coup wäre, falls das Kartellamt ihn genehmigt hätte, für Air Berlin eine Katastrophe gewesen: Middelhoff und Mayrhuber wollten aus Condor, Germanwings, dem Billigflieger der Lufthansa, und Tuifly, dem Charterflieger des Reisekonzerns Tui, einen schlagkräftigen Billig- und Ferienflieger formen und gegen Air Berlin, Easyjet und Ryanair ins Feld führen.

Condor im eigenen Hangar zu haben hat für Hunold aber neben Marktmacht und Konkurrenzverhinderung noch aus zwei weiteren Gründen seinen Charme: Air Berlin schützt sich mit der Middelhoff-Truppe als neuem Großaktionär, der im Aufsichtsrat bis zu drei Sitze beanspruchen will, vor feindlichen Übernahmen. Middelhoff wird zwar kein stiller Aufseher und Teilhaber, sichert Hunold aber vorerst diese Front. Und mit Condor-Chef Ralf Teckentrup und seinem Adlatus Christoph Debus holt sich Hunold zwei Manager an Bord, die ihn im Jahr 2009 beerben können. Hunold könnte sich dann in den Aufsichtsrat und das Familienleben zurückziehen.

Air Berlin und Condor – der Deal ist zwar noch ein Papiertiger, doch der Gewinner steht schon fest: Arcandor-Chef Middelhoff. Für sein 75-Prozent-Paket an Condor erhält er entweder von Air Berlin im Jahr 2009 den stolzen Preis von bis zu 600 Millionen Euro in Aktien und Barmitteln. Oder – falls die Lufthansa ihr Vorkaufsrecht noch ausübt – er gibt seinen Anteil wieder zurück und streicht ebenfalls einen satten Buchgewinn ein. Seine Preisvorstellung hat er schon zum Ausdruck gebracht: 600 Millionen Euro. Sein herzliches „Mein lieber Achim“ und das breite Grinsen kamen also nicht von ungefähr beim ersten gemeinsamen Auftritt. Middelhoffs Aufforderung während einer Tonstörung: „Achim, du kannst doch ein paar Witze erzählen!“ kam Hunold nicht nach. Ihm war am Donnerstag nicht nach Scherzen zumute.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin

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