AKADEMIKERMANGEL
Schneller aufsteigen

Man stelle sich vor: Ein Schüler schafft es nicht aufs Gymnasium. Nach der Realschule macht er dreieinhalb Jahre eine Mechatroniker-Lehre.
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Plötzlich entwickelt er einen bis dahin unbekannten Ehrgeiz, lässt sich in Mathe, Physik und Englisch etwas nachschulen. Mit 20 Jahren meldet er sich direkt zum Studium der Elektrotechnik an. Ein schöner Traum?

Bis jetzt ja. Wer in Deutschland studieren will, und sei es auch nur auf der Fachhochschule, hat ohne Abitur fast in allen Ländern einen langen, steinigen Weg vor sich. In aller Regel öffnen sich die Türen zur Hochschule nur den Besitzern eines Meisterbriefes. Die sind dann mindestens Mitte 20, also in einem Alter, in dem andere sich bereits auf die Diplomprüfung vorbereiten. Weil dieser Weg so umständlich und so langwierig ist und in jedem Bundesland andere Regeln herrschen, die zudem kaum jemand kennt, geht ihn auch kaum einer: Nicht mal jeder hundertste Student kommt über den „3. Bildungsweg“.

Das ist fatal. Denn Deutschland bildet zu wenig Akademiker aus, viel weniger als andere Nationen. Unter Bildungsexperten ist das eine Binsenweisheit. Seit die Wirtschaft laut über den Mangel an Ingenieuren und anderen Akademikern klagt und vorrechnet, wie viel höher der Aufschwung mit ausreichend Hochqualifizierten sein könnte, spricht sich das auch im Volk herum. Dass mancher deutsche Meister ebenso viel weiß und kann wie anderswo ein Bachelor-Absolvent, ist nur ein schwacher Trost. Die OECD hat Deutschland zuletzt eindringlich aufgefordert, schleunigst nachzulegen. Denn andere Länder bauen ihre Akademikerausbildung weit schneller aus als wir. So vergrößert sich die Kluft von Jahr zu Jahr.

Doch von den Gymnasien der Republik ist nicht viel mehr zu erwarten: Die allermeisten Abiturienten studieren heute schon. Deswegen haben die Bundesbildungsministerin, die Wirtschaft und die Gewerkschaften sich vorgenommen, den Gesellen den Weg in die Hochschulen zu erleichtern. Das steht schon im Koalitionsvertrag von 2005, soll aber erst jetzt endlich Wirklichkeit werden.

Ob das gelingt, ist allerdings noch längst nicht ausgemacht. Theoretisch gibt es zwei Wege: Entweder der Bund agiert direkt, oder er bringt die Länder dazu, gemeinsam voranzuschreiten. Variante 1: Bundesbildungsministerin Annette Schavan gibt ihren Plan auf, das Hochschulrahmengesetz ganz abzuschaffen, und schreibt stattdessen hinein, unter welchen Bedingungen Menschen mit erfolgreich absolvierter Lehre an die Hochschule dürfen.

Dieses Recht hat sie auch nach der Föderalismusreform, die ansonsten die Bildungshoheit der Länder gestärkt hat. Weil der Hochschulzugang aber neuerdings unter die so genannte „konkurrierende Gesetzgebung“ fällt, könnten die Länder anschließend davon abweichen und wieder eigene Sonderregeln aufstellen. Bei guter Vorbereitung wäre es jedoch auch denkbar, dass sie dem Bund folgen – zumal Schavan ja selbst aus der Länderfront kommt und es, anders als ihre Vorgängerin von der SPD, fast überall mit CDU-Parteifreunden zu tun hat.

Variante 2: Schavan bearbeitet die Länder, die bisher ihre Vorgärten hegen und nicht über den Zaun blicken, einen Staatsvertrag zu schließen. Das wäre die bildungspolitische Ochsentour, die wahrscheinlich ewig dauert und womöglich auf halbem Weg stecken bleibt. Natürlich steht es der Ministerin und den Ländern frei, den Gegenbeweis anzutreten. Das wäre ungewöhnlich. Damit es bei den jungen Leuten ankommt, bräuchte es den Zugang zum Bafög auch für Gesellen und eine Werbekampagne „Studieren lohnt sich“. Der Unterschied zwischen Akademikern und Nicht-Studierten ist nach Berechnungen der OECD in Deutschland besonders groß, das gilt sowohl für den deutlich höheren Verdienst als auch für das geringere Risiko, arbeitslos zu werden.

Manche Unternehmer fürchten, dass ihm mancher gute Geselle abhandenkommen könnte. Die Konsequenz kann aber nicht sein, diesen den Aufstieg auch weiterhin zu erschweren. Motivierter Nachwuchs muss so gut wie möglich gefördert werden – auf allen Ebenen. Alles andere wäre die weitere Vergeudung von Humankapital, die sich Deutschland schon viel zu lange leistet.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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