Aktien
Vor uns liegt ein gutes Börsenjahrzehnt

Wundern Sie sich auch darüber, dass Aktien ausgerechnet in diesem Jahr so stark gestiegen sind? Das sollten Sie nicht. Die Börse boomt nicht trotz, sondern wegen der großen Schuldenkrise. Die macht auch künftig Aktien gegenüber Anleihen attraktiv.
  • 2

Aktionäre scheinen mit Blindheit geschlagen. Da drohen die Industrienationen unter ihren Schulden zusammenzubrechen. Anleger und Ökonomen diskutieren nicht mehr darüber, ob, sondern nur noch, wann dem nächsten Staat das Geld ausgeht.

Doch inmitten der größten Krise Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nimmt der Dax die 6 000er- und im Dezember auch noch die 7 000er-Marke. Deutschlands 30 größte börsennotierte Konzerne sind 130 Milliarden Euro wertvoller als vor einem Jahr. Damit ließe sich fast unser Anteil am EU-Rettungsschirm bezahlen, wenn denn tatsächlich die Gesamtsumme von 750 Milliarden Euro zum Einsatz kommen sollte.

Die Bankenkrise scheint vergessen und die Schuldenkrise ignoriert zu werden. Blenden die Börsen schon wieder für jedermann sichtbare Probleme aus, nur weil allzu viele gierige Anleger noch den letzten Euro verdienen wollen? Um dann teuer dafür zu bezahlen, weil am Ende die Kurse doch noch abstürzen? Zugegeben, einige Anleger lassen sich von den beeindruckenden Firmenerträgen berauschen. Doch wer die Börsen-Hausse im Spätherbst 2010 als Irrlicht naiver Investoren abtut, macht es sich zu leicht. Die aktuelle Geschichte läuft nach einem anderen Drehbuch: nicht trotz, sondern wegen der Schuldenkrise steigen die Kurse!

Mehr noch: Die Perspektiven an den Börsen scheinen gut. Nicht nur, weil Aktien, gemessen an der Ertragskraft der Unternehmen und deren Bilanzen, preiswert sind. Noch schwerer wiegt ein übergeordnetes Argument: Europas und Amerikas Schuldenkrise sorgen dafür, dass sich gerade zwei gewohnte Gegensätze auflösen: der von der chancen-, aber risikoreichen Aktie gegenüber der renditeschwachen, aber sicheren Staatsanleihe. Anleihen gelten mit einem Mal als riskanter als Aktien. Das wird die Börse noch lange beflügeln. Trotz aller Kursturbulenzen, die daraus entstehen mögen.

„Staatsanleihen sind ausfallsicher.“ Diese scheinbar in Stein gemeißelte Weisheit galt jahrzehntelang – trotz vieler Staatspleiten in der Geschichte (s. Artikel rechts). Vor allem große Versicherungen schichteten lange Zeit ihre Kundengelder massiv in Staatsanleihen um, nachdem sie mit Aktien Schiffbruch erlitten hatten. Angesichts der jetzt drohenden Zahlungsausfälle, bei denen Gläubiger möglicherweise zumindest auf Teile ihres Einsatzes verzichten müssen, um klammen Staaten einen Teil ihrer Schuld zu erlassen, mag die alte Sichtweise im Nachhinein naiv wirken.

Deutsche Versicherer halten im Schnitt nur noch vier Prozent ihrer Gelder in Aktien – so wenig wie nie zuvor. Vor zehn Jahren waren es mehr als zehn Prozent. Der Trend gilt keineswegs nur im traditionell risikoscheuen Aktienland Deutschland. Nachdem 2008 die Bankenkrise die Börsen abstürzen ließ, flossen bis Mitte 2010 netto rund 250 Milliarden Dollar aus amerikanischen Aktienfonds ab. Staatsanleihefonds freuten sich über frische Kundengelder von 500 Milliarden Dollar.

Die Folge: Die Kurse amerikanischer und deutscher Staatsanleihen stiegen auf Rekordhochs, so dass sie heute kaum noch Rendite abwerfen. Wer sein Geld in diese Schuldtitel investiert, bekommt dafür weniger als drei Prozent Zinsen. Damit lassen sich Renditen von vier Prozent, wie sie die Versicherungen garantieren, nicht leisten.

Umdenken tut not. Auf renditeträchtigere Staatsanleihen umzuschichten scheidet aus. Zumindest dann, wenn es um sichere Anlagen geht. Italienische, spanische oder portugiesische Staatsanleihen werfen zwar vier bis sieben Prozent Zinsen pro Jahr ab, also rund doppelt so viel wie deutsche Anleihen. Doch welches Risiko steht dagegen?

In Europa sind 2011 Refinanzierungen in Billionenhöhe fällig. Um neue Schulden aufzunehmen und alte umzuschulden, braucht Frankreich nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds 570 Milliarden Euro, Italien 462 Milliarden Euro und Spanien 245 Milliarden Euro. Das mag irgendwie zu stemmen sein. Doch die Frage lautet längst nicht mehr, ob Versicherungen, Pensionsfonds und Privatanleger so viel Geld aufbringen werden. An den Finanzmärkten geht es nur noch darum, welcher Staat am Kapitalmarkt genügend Vertrauen besitzt, dass er die Zinsen zahlt und am Ende der Laufzeit die Schuldscheine tatsächlich begleicht. Dieses Urvertrauen entziehen viele Gläubiger den Staaten.

Mit einem Mal stellen Investoren, Analysten und Ökonomen die simple Frage: Wo ist mein Geld sicherer aufgehoben? Bei Staaten, die auch in guten Zeiten über ihre Verhältnisse lebten, die ihre Jahresbilanzen gefälscht haben, um mit Defizitkriterien zu tricksen, und die nicht einmal für einen Schuldschein mit 30 Jahren Laufzeit einen Emissionsprospekt vorlegen müssen? Oder doch eher in Anleihen und Aktien von Firmen, die etwas herstellen, was jeder braucht?

Gemeint sind die vielen globalisierten und solide finanzierten Konzerne mit wenig Schulden und hohen Barmittelzuflüssen, die sich am Kapitalmarkt besonders günstig refinanzieren können. Das sind in erster Linie bekannte Namen wie Novartis und Nestlé in der Schweiz, Microsoft, Johnson & Johnson, Pfizer und Exxon in den USA, Siemens und BASF in Deutschland, Total und Sanofi-Aventis in Frankreich oder gar multinationale Kolosse wie Rio Tinto und Royal Dutch Shell.

Anleihen dieser weltbekannten Unternehmen werfen inzwischen weniger Zinsen ab als die von Griechenland, Irland, Portugal und Italien. Anders formuliert: Diese Unternehmensanleihen halten Anleger für sicherer als die Papiere vieler Staaten.

Aus gutem Grund! Denn während die Kosten der Finanzkrise beim Staat landeten, indem sich die Regierungen bereiterklärten, für fehlgeschlagene Immobilienspekulationen der Banken geradezustehen, nutzten die Firmen ganz besonders die letzte große Krise, um ihre Schulden abzubauen. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass Nestlé oder BASF Insolvenz anmelden – für Portugal oder Italien wollen weniger Investoren die Hand dafür ins Feuer legen.

Mehr noch: Die Unternehmen in Europa, den USA und vor allem in den Schwellenländern haben in den vergangenen Jahren so viel Cash angehäuft wie noch nie. Deutsche Konzerne verdienen mehr als doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Sie erwirtschaften höhere Renditen, generieren mehr Cash, sind niedriger verschuldet als damals und bilanzieren weit mehr Eigenkapital als im Jahr 2000. Kurzum, die Unternehmen blicken auf eines der erfolgreichsten Jahrzehnte zurück, währenddessen die Staaten mehr als jemals zuvor über ihre Verhältnisse lebten.

Aber: Die Firmen schrieben ihre Erfolgsgeschichte in einem äußerst mageren Börsenjahrzehnt. Die Aktienkurse in Europa und den USA notieren heute in etwa dort, wo sie vor zehn Jahren standen. Waren Aktien vor gut zehn Jahren, am Vorabend des geplatzten Internetbooms, nach allen relevanten Kennzahlen überbewertet, so sind sie heute auf Sicht der letzten 60 Jahre unterbewertet. Das gilt nach der atemberaubenden Rally von 100 Prozent, die der Dax seit dem Frühjahr 2009 hingelegt hat, sogar noch stärker. Der Grund: Die Kurse stiegen langsamer als die Firmengewinne.

Zugegeben, all diese Superlative nützen nichts, wenn die Nachfrage nach Aktien geringer als das Angebot ist. Denn nur dann steigen die Kurse. Sie helfen auch nicht, wenn Anleger das Vertrauen in die Finanzmärkte verlieren – ob berechtigt oder nicht.

Den Beweis dafür liefern die vergangenen turbulenten Jahre, als Aktien bereits unterbewertet waren und in der Anlegergunst weit unten standen: erstens, weil die Kurse extrem stark schwankten. Das hielt viele risikobewusste Anleger von der Börse fern. Zweitens, weil Anleger generell dazu neigen, bei großen externen Krisen – Terror, Kriege, Immobilien- und Bankenpleiten – in Deckung zu gehen und ihr Kapital beisammenzuhalten. Drittens, weil Staatsanleihen in der Vergangenheit vermeintlich viel Sicherheit boten, was die Flucht aus den Aktienmärkten begünstigte.

Welche Risiken und Chancen bieten sich daraus künftig für die Börsen? Stark schwanken werden die Aktienkurse auch weiterhin. Diesen Schrecken wird den Aktienmärkten niemand nehmen können. Dafür sorgen immer schnellere Handelssysteme, die auf realwirtschaftliche Daten, Erfolgsmeldungen, Krisen und Gerüchte immer schneller mit Käufen und Verkäufen reagieren – und das angesichts der vernetzten Welt gleichzeitig und deshalb mit fatalen Kursstürzen und -sprüngen.

Auch an der steigenden Risikoscheu bei außergewöhnlichen Krisen, wozu natürlich auch drohende Zahlungsausfälle einzelner Staaten gehören, wird sich nichts ändern. Die Anteilsscheine bilanziell noch so toll dastehender Unternehmen werden nicht steigen, wenn gleichzeitig ein europäisches Land die Anleger zwingt, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten. Der enorme Vertrauensverlust würde alle risikoreichen Anlageklassen, wozu natürlich Aktien gehören, infizieren. Deutlicher formuliert: Wenn sich Portugal, Spanien oder Italien für zahlungsunfähig erklären, weil ihnen niemand mehr Geld leiht, dann ist ein Dax von 7 000 Punkten nicht vorstellbar.

Aber: Diese negativen Effekte sind kurzlebig, wenn Investoren erkennen, dass die Mehrheit der Unternehmen viel solider und professioneller wirtschaftet als die meisten Staaten und selbst dann noch Rekordgewinne schreibt, wenn Regierungen Insolvenz anmelden. Derart positiv betroffen sind all jene globalisierten Konzerne, die nicht von der Nachfrage in nur einer Volkswirtschaft und einem Kontinent abhängig sind, sondern den boomenden Märkten in Asien, Südamerika und Osteuropa gefolgt sind. Diesen Anspruch erfüllt mehr als die Hälfte der 160 börsennotierten Konzerne in der ersten (Dax), zweiten (MDax und TecDax) und dritten (SDax) deutschen Börsenliga.

Schlussendlich, und davon profitieren die Börsen künftig am meisten, haben Staatsanleihen viel von ihrem Nimbus des sicheren Hafens eingebüßt. Das gilt für die Papiere der hochverschuldeten und von Ausfallrisiken bedrohten Staaten ebenso wie für die vermeintlich immer noch sicheren Anlageländer wie Frankreich und Deutschland. Auch sie drohen in den Strudel aus Verschuldung und Vertrauensverlust hineinzugeraten, sobald Investoren darauf spekulieren, dass die solideren Staaten (Deutschland) die Zeche der anderen bezahlen sollen – dies aber nicht können oder wollen.

Vorausgesetzt, Anleger horten ihr Geld künftig nicht im Sparstrumpf oder zu Mini-Sparzinsen bei den Banken, dann werden solide wirtschaftende, stetig wachsende und in die Zukunft investierende Unternehmen und deren Papiere von dieser neuen Scheu gegenüber Staatsanleihen profitieren. Das gerade begonnene Börsenjahrzehnt dürfte deshalb mehr Gewinne als das vergangene bescheren. Nicht trotz, sondern wegen der Schuldenkrise.

Kommentare zu " Aktien: Vor uns liegt ein gutes Börsenjahrzehnt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Worauf basieren die tollen Gewinne der Unternehmen des Dax? bilanz-Wahrheit und -Klarheit sind in unserer Zeit Fremdworte, insbesondere bei Unternehmen der Finanzindustrie. Aufgepeppelt durch Steuergelder aller Erdenbürger, feiern sich die Kapitalmärkte. Doch selbst wenn man diese betrachtungen außer Acht lässt, stellt sich die Frage, was diese Gewinne wert sind, wenn man sich den Dax einmal in einer Hartwährung anschaut, z.b. dem Schweizer Franken. Gegenüber dem Franken hat der Euro innerhalb eines Jahres 25% an Wert verloren. Haben Aktionäre tatsächlich Spaß an einem DAX bei 14000 Euro wenn gleichzeitig der bäcker dann zwei Euro für das brötchen möchte? Nicht ein einziges Problem, dessen Ursache unser Geldsystem und dessen Symtom die Finanzkrise ist, wurde gelöst,
    "but the show must go on". Ohne Ende bis zum Ende und weiter so. Nichts sehen wollen, nichts hören wollen, nichts sagen dürfen.
    Dank und Gruß an eine heile Welt

  • Aus welcher schlauen Glaskugel haben Sie diese informationen??? ich an ihrer Stelle wäre lieber etwas vorsichtiger, mit solchen Prophezeiungen.
    Danke

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%