Aktionäre
Lästige Räuber

Man kennt sie seit Jahrzehnten, aber im Boom der Übernahmen und Fusionen finden sie besonders reichliche Beute: so genannte „lästige“ oder „räuberische“ Aktionäre. Sobald sie riechen, dass sich irgendwo eine wichtige Unternehmensentscheidung blockieren lässt, werden sie hellwach.
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Auf Hauptversammlungen setzen sie sich wirkungsvoll in Szene, schießen gegen das Management. Und dann verhandeln sie und schauen, wie viel sich als Gegenwert dafür herausschlagen lässt, dass sie wieder aus dem Spiel verschwinden. Die Bundesregierung ist auf dieses Problem aufmerksam geworden. Und es gibt erste Überlegungen, wie man es lösen könnte. So hat der Deutsche Anwaltsverein einen Gesetzesvorschlag erarbeitet. Zu den Mitgliedern des Vereins zählen zwar auch Anwälte, die die lästigen Aktionäre vertreten. Aber der Vorschlag trägt die Handschrift der anderen Seite. So bahnt sich in dem lange währenden Kampf zwischen Unternehmen und Kleinaktionären ein neues Scharmützel an. Dabei wird sich wohl wieder zeigen: Die Unternehmen gewinnen an Boden, aber ganz los werden sie das Problem im Endeffekt doch nicht.

Aus Sicht der Anleger gibt es drei Arten, an Übernahmen zu verdienen: einmal durch einen Aktienkauf in der Hoffnung auf gute Abfindung für die Minderheitsaktionäre. Diese Hoffnung wurde zuletzt einige Male enttäuscht, weil Konzerne ihre Angebote nicht nachgebessert haben, stattdessen einfach ein paar Minderheitsaktionäre auf Dauer in Kauf nehmen. Diese Art von Geschäft ist letztlich eine simple Aktienspekulation. Zuletzt sind auch Hedge-Fonds darauf eingestiegen. Die zweite Möglichkeit besteht darin, erst dann einzusteigen, wenn ein Wertgutachten für ein übernommenes Unternehmen vorliegt. Anschließend kann man vor Gericht mit einem so genannten Spruchverfahren die Bewertung überprüfen lassen und versuchen, einen Nachschlag durchzusetzen. Die Chancen stehen meist gut. Denn bei Spruchverfahren erhalten nur jene Aktionäre Geld, die geklagt haben. Die anderen gehen leer aus. Es ist daher für die Unternehmen rational, bei der anfänglichen Bewertung bis an die Schmerzgrenze zu Lasten der Minderheitsaktionäre des übernommenen Unternehmen zu gehen. Schmerzgrenze heißt hier: so weit die Wirtschaftsprüfer mitziehen.

Für die Anleger handelt es sich bei der zweiten Variante um eine ganz eigene Vermögensklasse, die vom Risiko-Chance-Profil her zwischen Anleihen und Aktien liegt. Denn die anfängliche Bewertung, die das übernehmende Unternehmen anbietet, stellt praktisch eine Untergrenze dar. Diese Art Kapitalanlage ist freilich kompliziert und erfordert Geduld. Nur die dritte Variante gehört direkt zum Thema „räuberische Aktionäre“. Hier handelt es sich weniger um eine Geldanlage, sondern um eine Art Beruf, über dessen moralische Qualität man freilich streiten kann. Denn es reicht aus, mit einer Aktie in eine Hauptversammlung zu gehen, um dort eine wichtige Entscheidung, etwa eine Fusion oder Kapitalerhöhung, blockieren zu können. Anschließend werden ein paar Verbesserungen für alle Aktionäre ausgehandelt, daneben fließt vielleicht eine überhöhte „Kostenpauschale“ an die Anwälte und von dort unter der Hand weiter an ihre Klienten.

Früher zahlten Unternehmen direkt, um lästige Aktionäre loszuwerden. Aber seitdem die Rechtsprechung dieses Verfahren als Erpressung wertet, kamen indirekte Methoden zum Einsatz. Bislang gibt es schon eine Reihe von Fällen, in denen Aktionäre Entscheidungen nicht blockieren, sondern nur nachträglich mehr Geld einklagen können. Hier funktioniert also nur Variante zwei. Die Anwälte möchten nun diese Liste um zwei wichtige Punkte verlängern, um den Unternehmen das Leben zu erleichtern. Der Änderungsvorschlag bezieht sich auf Aktionäre eines übernehmenden Unternehmens bei einer Fusion und auf die „Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage“.

Selbst wenn dieser Vorschlag Gesetz werden sollte: Vollständig lassen sich Blockademöglichkeiten durch Aktionäre nicht ausschließen, es bleiben weitere mögliche Ansatzpunkte. Denn nach dem Gesetz sind die Aktionäre die Eigentümer und haben deshalb über das Unternehmen zu entscheiden. Die Frage ist auch, wie weit der Gesetzgeber gehen will. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries hat bereits zutreffend bemerkt, dass es schwer sei, legitime Ansprüche und reine Schikanen sauber voneinander zu trennen. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die „Räuber“ neue Wege einfallen lassen werden, um lästig zu sein und die Hand aufhalten zu können. Aber sie werden sich eben mehr Mühe geben müssen. Es besteht aber keine Gefahr, dass sich die Anwälte mit ihrem Vorschlag ihr eigenes Geschäft verderben wollen.

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