Aktuelle Börsenturbulenzen
Analyse: Vertreibung aus dem Paradies

Sind die fallenden Kurse an den Aktienmärkten Zeichen einer vorübergehenden Korrektur, oder stehen wir vor einer echten Krise?

Trotz aller Unkenrufe von Skeptikern, die teilweise bereits ein Horrorszenario malen, steht kein Crash bevor. Allerdings wird es auch kein „Weiter wie bisher“ geben. Vielmehr heißt es jetzt, sich zu verabschieden aus dem Paradies stetiger und hoher Gewinne, auch von teilweise spürbaren spekulativen Exzessen. In Zukunft werden die Anleger kleinere Brötchen backen und auch öfter wieder Verluste hinnehmen müssen.

Den Skeptikern fällt es leicht, gleich dutzendweise Probleme zu benennen und damit ihre Krisenthese zu unterfüttern. Eine kleine Auswahl ist schon beängstigend genug: Die Vereinigten Staaten sind überschuldet und leben auf Pump, sowohl viele Verbraucher als auch die Volkswirtschaft insgesamt. Die möglichen Konjunkturabschwächungen in den USA oder in China würden die Börsen abwürgen. Steigende Rohstoffpreise würden die Inflation treiben, worauf die Zentralbanken mit einer verschärften Geldpolitik reagieren müssten, was bekanntlich Gift für die Börsen ist. Schon länger sind die Notenbanken in Sorge um die Mengen spekulativen Geldes, die um den Globus vagabundieren. Kommt es hier zu einem Gewitter, kann das leicht die Börsen nach unten reißen. Nicht zuletzt können die politischen Spannungen im Nahen und Mittleren Osten die Aktienmärkte auf Talfahrt schicken, etwa wenn die von manchen Beobachtern erwartete Zuspitzung im Irankonflikt eintreten sollte.

So bunt diese Liste auch ist, so real sind doch die genannten Probleme. Insoweit darf man die Skeptiker nicht einfach als Buhmänner abtun. Allerdings haben die Notenbanken bisher eine Krise verhindert. Sie pumpten reichlich Liquidität in die Volkswirtschaften. Das Kapital fand den Weg an die Wertpapiermärkte, an die Aktienbörsen, in Risikoanleihen, in alternative Investments wie Hedge-Fonds. Wirtschaftliche Ungleichgewichte hin oder her, den Börsianern ging es bislang prächtig in dieser Welt des lockeren Geldes.

In den vergangenen vier Jahren strichen die Anleger allein an den europäischen Aktienmärkten über 130 Prozent Gewinn ein. Historisch gesehen, sind das Fabelgewinne und die absolute Ausnahme. Aber an den Börsen der Schwellenländer war noch einmal mehr zu verdienen. Die Börse in Schanghai brauchte für den erwähnten Zuwachs um 130 Prozent nur zwölf Monate. Vor diesem Hintergrund erscheint die Größenordnung der aktuellen Rückgänge schon wesentlich moderater. Korrekturen von zehn Prozent gelten ja bereits nach normalen Anstiegen als eine gesunde Reaktion. Aber von diesem Rückgang sind sowohl die europäischen Aktienmärkte als auch die Wall Street noch einige Prozentpunkte entfernt.

Im vergangenen Frühjahr tauchten die Börsen ebenfalls in eine Korrektur ein, deren Ausmaß die jetzige noch in den Schatten stellte. Danach ging es weiter aufwärts. Vorerst holen die aktuellen Ereignisse die Anleger nur auf den Boden der Tatsachen zurück, von dem sie sich allerdings entfernt hatten.

Rückkehr zur Normalität ist das Thema. Normal sind aus historischer Perspektive weit geringere Gewinne und weit größere Schwankungen als jene, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Das belegt eine Statistik aus den Vereinigten Staaten eindrucksvoll.

Danach stellte der breite amerikanische Aktienmarkt am 22. Februar dieses Jahres einen Rekord der besonderen Art auf: Er erreichte den längsten Zeitraum ohne eine mindestens zweiprozentige Tageskorrektur. Seit mehr als einem halben Jahrhundert war keine Zeitspanne mit solch geringen Schwankungen verzeichnet worden. Das unterstreicht: Seit dem Zweiten Weltkrieg war das Geldverdienen an den Börsen selten so einfach und vor allem so schmerzfrei (weil die Nerven nicht von Rückschlägen strapaziert wurden) wie in der jüngeren Vergangenheit.

Die Kursverluste der vergangenen Woche im Zusammenspiel mit dem wachsenden Bewusstsein für die Risiken sprechen gegen eine neue Hausse nach kurzer Korrektur. Ein langfristiger Kursaufschwung kann angesichts der bestehenden Probleme kaum starten. Es wäre aber falsch, deswegen jetzt das Ende der Börsenwelt herbeizureden.

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