Allianz-Beteiligungen
Analyse: Keine Hast

Trotz aller Erfolgsmeldungen - im Großen und Ganzen entsteht der Eindruck, dass die Bereinigung des Allianz-Beteiligungsbesitzes nur schleppend vorankommt.

Beiersdorf hier, MAN dort. Immer wieder tauchen Gerüchte über die Beteiligungen der Allianz auf, wird im Hintergrund gerechnet und verhandelt. Hin und wieder gibt es Erfolgsmeldungen – so stieß die französische Allianz-Tochter AGF ihre Beteiligung am Crédit Lyonnais für rund 900 Millionen Euro ab. Auch gelang es der Allianz, nach und nach ihre Verklammerung mit der Münchener Rück wenigstens zum Teil zu lösen.

Aber im Großen und Ganzen entsteht der Eindruck, dass die Bereinigung des Beteiligungsbesitzes nur schleppend vorankommt. Allianz-Vorstand Paul Achleitner, der ehemalige Investmentbanker, schien ein Garant für schnelle Deals zu sein, hat sich jedoch seit seinem Einstieg vor drei Jahren offenbar dem bedächtigeren Stil der Versicherer angepasst. Ist der Stratege Achleitner eine Fehlbesetzung in der Münchener Chefetage?

Zunächst einmal fragt man sich bei vielen dieser Gerüchte, ob sie nicht bewusst gestreut werden – zum Beispiel von potenziellen Käufern, die Druck ausüben wollen. Oder von Leuten, die über verfrühte Meldungen mögliche Verhandlungen stören möchten.

Bei aller berechtigten Kritik darf zudem nicht übersehen werden, dass Achleitner heute eben kein Investmentbanker mehr ist. In seinem alten Beruf galt die Devise „Schnelle Deals, schnelles Geld“. Ob damit den Kunden immer gedient ist, sei dahingestellt, aber die Investmentbank verdient nur dann Geld, wenn sich etwas bewegt. Ein Versicherer wie die Allianz betreibt dagegen ein langfristiges Geschäft. „Wir sind Investoren, keine Spekulanten“, loben Versicherungsvorstände sich gerne selbst, zum Beispiel Gerhard Rupprecht, der Chef der Allianz-Lebensversicherung. Leider haben sie sich in den vergangenen Jahren nicht alle daran gehalten – sonst gäbe es keine Branchenkrise. Um so weniger aber kann man es einem Vorstand zum Vorwurf machen, wenn er sich nicht von kurzfristigen Überlegungen treiben lässt. Die vergangenen Jahre haben deutlich gezeigt: In der Versicherungsbranche ist es manchmal am besten, gar nichts zu tun – es ist jedenfalls ungefährlicher als Aktionismus.

Es liegt nahe, die Industriebeteiligungen eines großen Versicherungskonzerns mit denen der Banken zu vergleichen. Oder gar den Verkauf von Aktienpaketen quasi als eine Art Privatisierung anzusehen – nach dem Motto: Wozu befasst sich die Allianz eigentlich mit Nivea-Creme und Lastwagen? In beiden Fällen hinkt der Vergleich aber. Banken müssen keine Beteiligungen halten, der Staat noch weniger. Häufig haben Kreditinstitute ihre Pakete durch Umwandlung von faulen Krediten erworben oder – vor allem die öffentlichen Banken – damit Industriepolitik betrieben. Die Beteiligungen der Versicherer sind dagegen meist schlicht aus Gründen der Kapitalanlage entstanden. Die Branche sammelt Milliarden an Spargeldern über Jahrzehnte hinweg an. Und dieses Geld muss sie anlegen und wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückschleusen. Anders als die Banken betreiben sie aber kein Kreditgeschäft – allenfalls nebenbei die Baufinanzierung. Die Anlage muss daher über die Kapitalmärkte erfolgen. Im Wesentlichen werden Anleihen und Aktien gekauft, mitunter bietet sich aber auch an, eine größere Beteiligung zu erwerben. Solange die Branche noch in der D-Mark-Welt lebte, hatte sie oft Mühe, bei ihren Aktienengagements genügend Auswahl zu finden, und kam schon von dorther in Zugzwang, hin und wieder auch größere Pakete aufzubauen. In der Euro-Welt sind die Möglichkeiten vielfältiger. Aber die alten Pakete wurden noch zu D-Mark-Zeiten gekauft, und es gibt keinen Grund, sie überhastet abzustoßen. Außerdem kann ein begrenztes Engagement in größeren, aktiv gemanagten Beteiligungen eine sinnvolle Ergänzung der Kapitalanlage sein – wobei das „aktive Management“ eine schwierige Aufgabe für Finanzmanager ist, die Probleme in fremden Branchen meist zu spät bemerken.

Beim Verkauf der Beteiligungen sollte der spitze Bleistift regieren. Die Aktienmärkte haben sich inzwischen wieder erholt. Insofern sind die Rahmenbedingungen nicht schlecht – es wäre unsinnig, auf alte Höchststände zu schielen. Unabhängig davon sind viele Beteiligungen aber nur zu einem vernünftigen Preis loszuschlagen, wenn ein Investor mit strategischem Interesse anklopft. Deswegen erfordert das Geschäft viel Geduld.

Die Allianz hat in den vergangenen Jahren Fehler gemacht – hier ist vor allem der Erwerb der Dresdner Bank zu nennen. Doch ihre bedächtige Politik bei den Finanzbeteiligungen ist in Ordnung.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%