Altersarbeitslosigkeit: Die große Illusion

Altersarbeitslosigkeit
Die große Illusion

Bundesarbeitsminister Franz Müntefering hat 62 Unternehmen, die sich besonders um Qualifizierung und Beschäftigung älterer Menschen bemühen, „Weitblick“ attestiert. Müntefering betrachtet diese Firmen als Wegbereiter eines dringend benötigten Mentalitätswandels.

Denn 40 Prozent der deutschen Unternehmen lehnen es ab, Arbeitnehmer im Alter von über 50 Jahren zu beschäftigen. Im Jahresdurchschnitt 2006 zählten die Arbeitsagenturen fast 1,2 Millionen Arbeitslose, die 50 Jahre und älter sind. Addiert man die Zahl der Frührentner, kommt man leicht auf zwei Millionen Ältere, die keinen Arbeitsplatz haben. In Deutschland arbeiten immer noch nur vier von zehn Erwerbsfähigen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren. Die deutschen Unternehmen haben Mühe, sich auf das von der Politik propagierte neue „Altersbild“ umzustellen. Jahrzehntelang hat die Politik den Älteren und den Betrieben mit dem Argument der Entlastung des Arbeitsmarkts den Vorruhestand schmackhaft gemacht. Nun wirbt die Bundesregierung mit den Slogans „Erfahrung ist Zukunft“ und „Perspektive 50 plus“ für die Weiterbeschäftigung Älterer und deren Integration in den Arbeitsmarkt. Der Grund liegt auf der Hand: In den nächsten Jahrzehnten gibt es immer weniger Arbeitskräfte der jüngeren und mittleren, aber immer mehr der älteren Jahrgänge. Gleichzeitig wächst auch die Zahl der älteren Wähler. Und diese wollen umworben werden.

Schon die rot-grüne Koalition hatte den Paradigmenwechsel „Weg vom Vorruhestand – hin zur Beschäftigung Älterer“ eingeleitet. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes wurde verkürzt, die vorruhestandsähnliche Regelung nach Paragraf 428 des Sozialgesetzbuches III läuft Ende dieses Jahres aus. Das Alter für den frühestmöglichen Bezug einer Rente nach Arbeitslosigkeit wird schrittweise von 60 auf 63 Jahre angehoben. Die stärkste Signalwirkung hat trotz der systemwidrigen Ausnahmeregelung für langjährig Versicherte die schrittweise Erhöhung der Regelaltersgrenze für den Renteneintritt von 65 Jahren ab 2012 auf 67 Jahre im Jahr 2029. Die „Initiative 50 plus“ flankiert dieses Gesetz mit Maßnahmen zur Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit und der Jobchancen Älterer. Sieht man von der Förderung von Weiterbildungsmaßnahmen und einer rechtssicheren, erleichterten Befristung der Einstellung Älterer ab, geht es dabei im Kern um eine Subventionierung der Beschäftigung Älterer durch einen Ausbau der Eingliederungszuschüsse und der Entgeltsicherung zu einem Kombilohn. Diese beiden Maßnahmen zusammen sollen bis zu 100000 Älteren zu einem Arbeitsplatz verhelfen. Das ist bei der bisherigen minimalen Nutzung der Entgeltsicherung allerdings eine optimistische Annahme. Selbst wenn sie sich erfüllen sollte, würde sie das Problem der Altersarbeitslosigkeit bei weitem nicht lösen.

Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und des IWG Bonn müssten wegen der Rente mit 67 zwischen 1,2 und drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, soll sich die offene und verdeckte Arbeitslosigkeit nicht erhöhen. Die Rente mit 67 ist angesichts der immer längeren Lebenserwartung und der kleineren nachrückenden Jahrgänge alternativlos. Aber die Annahme, dass der Mangel an jüngeren Arbeitskräften gleichsam automatisch den älteren neue Chancen gibt, ist ziemlich naiv. Die starke Zunahme der Zahl älterer Arbeitskräfte wird also weiterhin zu einer hohen Altersarbeitslosigkeit führen. Viele dieser älteren Erwerbsfähigen verfügen entweder über gar keine oder nur über mangelhafte Qualifikationen. Heute gibt es 1,6 Millionen Arbeitslose ohne Ausbildung. Jobs für Ungelernte oder Geringqualifizierte würden im Hochlohnland Deutschland in größerer Zahl nur bei einem massiven Ausbau des Niedriglohnsektors und einer neuen Dienstleistungskultur, einer Service-Gesellschaft für Ältere, entstehen. Das ist aber ebenso unwahrscheinlich wie eine große Qualifizierungsinitiative in den Unternehmen. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Verlagerung einfacher Arbeit aus Deutschland auf Märkte mit jüngeren Bevölkerungen fortsetzen wird. Zudem müssen ältere Beschäftigte in Deutschland nach 2011, wenn die Beschränkungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit auslaufen, mit jüngeren Kräften aus Mittel- und Osteuropa konkurrieren. Die Altersarbeitslosigkeit wird also hoch bleiben. Und die Altersarmut früherer Hartz-IV-Empfänger wird zum Massenphänomen. Entschärfen ließe sich dieses Problem nur, wenn die deutsche Wirtschaft eine noch stärkere Wachstumsdynamik entfalten würde. Das wäre in einer stark alternden Gesellschaft aber ein wirkliches Wirtschaftswunder.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%