Altersteilzeit
Die chemische Formel

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Die „Rente mit 67“ – praktisch umzusetzen zwischen 2012 und 2029 – steht zwar schon im Gesetzblatt. Und trotz taktischer Versuchungen wird die Große Koalition zumindest dieses Projekt nicht einfach wieder streichen. Die Nagelprobe für den Umbau von Alterssicherung und Arbeitswelt ist damit aber noch lange nicht überstanden. Sie fängt gerade erst an, was sperrige Begriffe wie „Altersteilzeit“ und „gleitende Übergänge“ leider eher vernebeln als klären. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage, ob die notwendige Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters womöglich mit allerlei Abfederungsprogrammen durch die Hintertür wieder zurückgedreht wird.

Die Nagelprobe findet zeitgleich auf der politischen und tarifpolitischen Bühne statt. Politisch geht es darum, ob die Regierung auch dem Druck widersteht, die unselige Staatsförderung für Personalabbau per Altersteilzeit zu verlängern. Dass diese nach aktueller Gesetzeslage ab 2010 wenigstens nicht mehr in Gestalt von Zuschüssen der Arbeitslosenkasse stattfinden soll, ist ohnehin nur ein kleiner Fortschritt – der nun keinesfalls infrage gestellt werden darf.

Ebenso wichtig ist aber, wie die Tarifparteien damit umgehen. Denn sie entscheiden mit ihren Tarifverträgen darüber, inwieweit es in der betrieblichen Praxis künftig besser gelingt, ältere Arbeitnehmer gemäß ihren Potenzialen einzusetzen. Dabei sollte das Ziel unstrittig sein: Auf betrieblicher Ebene geht es um effiziente Personalpolitik im Umgang mit älter werdenden Belegschaften und zunehmender Fachkräfteknappheit, zudem um die Chancen älterer Arbeitsloser am Arbeitsmarkt. Das zentrale Hindernis ist bisher eine speziell in den großen Industriezweigen völlig undifferenziert mit generösen Aufstockungsprogrammen geförderte Frühverrentungsmentalität.

Vor diesem Hintergrund haben die Tarifparteien der chemischen Industrie soeben mit ihrem neuen Demografie-Pakt eine hochinteressante Vorlage geliefert. In der Metall- und Elektroindustrie verhandeln IG Metall und Arbeitgeber ab heute über die Zukunft ihres Altersteilzeit-Tarifvertrags, der ansonsten 2009 ausläuft. Auch wenn sich der Chemie-Pakt erst noch im Praxistest bewähren muss, lässt sich eines bereits festhalten: Den Metall-Tarifparteien wäre zu wünschen, dass sie mit ähnlichem Mut aus alten Mustern ausbrächen. Leider gibt die IG Metall aber bisher nicht zu erkennen, dass sie unter „flexiblem Übergang“ wirklich eine Abkehr von schematischen Frührentenmodellen versteht.

Der Chemie-Pakt sieht die Einrichtung betrieblicher Fonds aus Arbeitgeberbeiträgen vor, die in Abstimmung mit dem Betriebsrat für verschiedene Zwecke genutzt werden können. Dazu gehört Lohn-Aufstockung für Altersteilzeit alter Art, die Mittel können aber auch in eine zusätzliche Altersvorsorge oder einen nach einfachen Kriterien zu erlangenden Berufsunfähigkeitsschutz fließen.

Wohl wahr: Das ganze Konstrukt mutet ziemlich monströs an und findet so vermutlich auch nur in der betroffenen Branche Akzeptanz. Mehrere Aspekte weisen aber nach vorn. Erstens: Die alten Tarifverträge bei Chemie wie auch Metall gaben den Beschäftigten pauschal und undifferenziert ein individuelles Recht, Altersteilzeit zu nutzen – egal, ob aus Freizeitinteresse oder weil sie nicht mehr können. Damit macht der neue Chemie-Tarifvertrag Schluss.

Zweitens: Frührente ist eben nur eine von mehreren möglichen Optionen laut Tarifvertrag. Zusatzrente und Berufsunfähigkeitsschutz sind nicht nur gute Alternativen – die Chancen stehen auch gut, dass sie in der Praxis oft den Vorzug erhalten. Denn anders als bei der Option Frührente profitieren dann viel größere Teile der Belegschaft von dem Fonds –

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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