American View
Veter gegen Sohn

Die gewieften Beobachter, von denen Washington nur so überquillt, haben sich nach der Kongresswahl auf psychologische Erklärungen verlegt.

Ihre Analyse lautet: Der wirkliche Gewinner beim Erdrutschsieg der Demokraten war Vater Bush gegen seinen Sohn. Dabei handelt es sich wohl um ein kompliziertes Freudsches Ringen mit geopolitischen Konsequenzen.

Als Beleg zitieren die Experten den Aufstieg früherer wichtiger Mitarbeiter von Bush senior, die nun die Präsidentschaft seines Sohnes retten sollten. Die prominentesten von ihnen sind Robert Gates, der Donald Rumsfeld als Verteidigungsminister abgelöst hat, und James Baker, der die Iraq Study Group leitet, die Vorschläge zur Heilung der irakischen Krankheit machen soll. Gemeinsam werden sie das Herangehen von Bush junior an den Nahen Osten ändern. Der Akzent dürfte sich vom demokratischen Wandel hin zur Schadensbegrenzung verschieben.

Die beiden einzigen Personen, die wirklich etwas über die Dynamik dieser Vater-Sohn-Beziehung sagen könnten, nämlich der 43. und der 41. Präsident der USA, reden nicht. Von Freunden der Familie wissen wir, dass Bush junior entschlossen war, ein geschichtlich bedeutsamerer Präsident als sein Vater zu werden, teilweise getrieben von einem Gefühl religiöser Berufung. Wir wissen auch, dass frühere Mitarbeiter des Vaters nie von der Weisheit der Entscheidung für den Irak-Krieg überzeugt waren, deshalb muss man annehmen, dass Bush senior auch seine Zweifel hatte.

Einfacher zu beurteilen als diese Beziehung ist das Verhältnis zwischen „Veränderern“ – vertreten vom Junior – und „Traditionalisten“ – für sie steht der Senior – in der US-Außenpolitik. Die Veränderer glauben, dass die USA auf Dauer nur zu Demokratien gesunde und stabile Beziehungen haben können und es deshalb ihr Ziel sein muss, mehr davon auf der Welt zu schaffen. Dieses Denken geht auf Woodrow Wilson und den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, die Neokonservativen haben es nach dem Kalten Krieg wiederbelebt.

Nach dem 11. September 2001 neigte deshalb George W. Bush zu einer neuen Strategie der Umgestaltung, die Joseph S. Nye, Professor in Harvard und früherer außenpolitischer Berater, analysiert und in drei Phasen eingeteilt hat: Erstens ging es darum, Washingtons Abhängigkeit von Partnern und internationalen Institutionen zu verringern, dann folgte die Ausdehnung der klassischen Theorie präventiven Handelns zu der präventiver Kriege und schließlich die Befürwortung von zwangsweiser Demokratisierung als Lösung für den Terrorismus im Nahen Osten.

Auch die Traditionalisten sehen eine größere Zahl von Demokratien als wünschenswert. Als sie die US-Außenpolitik bestimmten, zerfiel die Sowjetunion, wurde Deutschland vereinigt, erweiterte sich die Nato um frühere kommunistische Staaten, was auch zur Ausdehnung der EU führte. Sie veränderten die Welt, aber erst nach 45 Jahren sorgfältiger Politik der Eindämmung, die es der Sowjetunion erlaubte, einen großen Teil Europas zu unterdrücken. Bush senior wachte über das Ende des Kalten Krieges, aber eher in Form „brillanter Intuition und des Managements rapiden Wandels als durch mutwillige Versuche, die Welt zu ändern“, wie Nye in „Foreign Affairs“ schreibt.

Traditionalisten sind bescheidener mit Blick auf Amerikas Fähigkeiten, Länder wie den Irak umzugestalten. Ihnen sind kulturelle und historische Barrieren stärker bewusst, deshalb sind sie zurückhaltender bei der Wahl der Mittel, die den Wandel fördern sollen.

Bush junior ist nach wie vor davon überzeugt, dass der beste Weg zur Bekämpfung des Terrorismus die Demokratisierung ist. Einer seiner Spitzenberater sagt, Bush glaube, die Geschichtsschreibung werde ihn wie Präsident Harry Truman behandeln und erst nach Jahren seine wahre Größe erkennen.

Doch die drei Pfeiler seiner Strategie nach dem 11. September brechen zusammen. Die USA verlassen sich wieder mehr auf multilaterale Strukturen, die Doktrin des präventiven Krieges ist durch ihre fehlerhafte Verwirklichung fragwürdig geworden, und statt den Irak zu demokratisieren, wird möglicherweise autoritäres Vorgehen nötig werden.

Die größte Ironie im Vater-Sohn-Verhältnis ist vielleicht, dass der Vater als der größere Veränderer in die Geschichte eingehen wird. Deren wirkliche Lehre geht auf einen anderen Präsidenten zurück, Franklin Roosevelt, der auf den Angriff der Japaner in Pearl Harbor reagierte, indem er den Isolationismus ablehnte, militärische Stärke aufbaute und gleichzeitig einen neuen Multilateralismus anstrebte, um einen internationalen Konsens für ein Handeln der USA zu erreichen, das die eigenen Mittel nie überforderte.

Fred Kempe ist Präsident des Atlantic Council of the USA.

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