_

Analyse: Euro-Skeptiker Dänemark wird zum Brückenbauer

Mitten in der schwersten Krise der EU übernimmt mit Dänemark ein Land den Vorsitz, dass sich immer wieder als großer Euro-Skeptiker gezeigt hat. Das muss kein Fehler sein. Die Chancen, etwas zu bewegen sind groß.

Handelsblatt-Korrespondent Helmut Steuer. Quelle: Pablo Castagnola
Handelsblatt-Korrespondent Helmut Steuer. Quelle: Pablo Castagnola

Brücken bauen – das hat sich Dänemarks neue Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt vorgenommen. Ein gespaltenes Europa möchte sie wieder zusammenführen, die Schuldenkrise meistern, das Wachstum ankurbeln und sei das noch nicht genug: Sie möchte auch den Euro retten, mit dem man in Dänemark nicht einmal bezahlen kann.

Anzeige

Zum Jahreswechsel übernahm das kleine Königreich die EU-Ratspräsidentschaft von Polen. Heute stellte Thorning-Schmidt in Kopenhagen im Beisein von EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Baroso ihr Programm für die kommenden sechs Monate vor.

Und obwohl die sozialdemokratische Regierungschefin, die erst seit vergangenem Herbst im Amt ist, eine fast unlösbare Mammutaufgabe vor sich hat, könnte es gerade dem kleinen Dänemark gelingen, Europa wieder auf eine gemeinsame Spur zu bekommen.

Es klingt paradox: Mitten in der schwersten Krise der Europäischen Union übernimmt ein Land den Vorsitz, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder als großer Skeptiker des EU-Projekts gezeigt hat. Da waren zwei Volksabstimmungen, die jeweils mit einem „Nej Takk“ zum Euro endeten, da waren Ausnahmeregelungen von jenen Maastrichter Verträgen, die eigentlich Europa noch enger zusammenschweißen sollten. Und da waren Streitereien um völlig überflüssige Grenzkontrollen.

Dänemark hat Europa nicht nur einmal zuvor gespalten. Und gerade dieses Land will nun Brücken bauen? Ausgerechnet das Land, das mit seiner extrem restriktiven und zum Teil unsolidarischen Ausländerpolitik und den angedrohten Grenzkontrollen immer wieder für europaweite Verstimmung gesorgt hatte, will in dem tief gespaltenen Europa eine Vermittlerrolle einnehmen?

Die Herausforderungen der dänischen EU-Ratspräsidentschaft

  • Mehrjährige Finanzrahmen

    Eine der wichtigsten Herausforderungen der dänischen EU-Ratspräsidentschaft ist die mehrjährige Finanzplanung der EU für die Jahre 2014 bis 2020. Es geht um knapp eine Billion Euro. Sowohl die Ausgaben als auch die Einnahmen, vor allem eine neue Finanztransaktionssteuer für die EU, sind umstritten. Eine Einigung wird erst zum Jahresende erwartet, doch Dänemark muss entscheidende Vorarbeit leisten.

  • Schuldenkrise

    Inmitten der wohl bisher tiefsten Krise der Europäischen Union übernimmt ihre Land zum Jahresbeginn den Vorsitz über den EU-Rat, das Gremium der 27 EU-Mitgliedsstaaten. Als Nicht-Euro-Staat übernimmt Dänemark eine Schlüsselstellung beim Versuch, die EU-Mitglieder ohne Euro-Währung in die Bemühungen um Haushaltsdisziplin und Stabilisierung des Euros einzubinden. Dänemark soll als Land, dessen Bevölkerung den Euro bei zwei Volksabstimmungen abgelehnt hat, in den kommenden sechs Monaten alles nur Mögliche zur Rettung der EU-Währung beitragen. Und gleichzeitig Brücken bauen zu den immer euroskeptischeren Briten.

  • Erweiterung der EU

    Im März muss der EU-Gipfel entscheiden, ob Serbien Beitrittskandidat wird. Die Verhandlungen mit der Türkei stocken. Mit Island werden die Verhandlungen vorangetrieben.

  • Schengen-Grenzen

    Im Schengen-Raum, in dem es grundsätzlich keine Grenzkontrollen mehr gibt, sollen neue Regeln vereinbart werden. Unter anderem sollen klare Regeln für die zeitweilige Wiedereinführung von Kontrollen in besonderen Situationen geschaffen werden. Es gibt einen Kompetenzstreit zwischen Mitgliedstaaten und EU-Kommission.

  • Klimawandel

    Der Klimawandel schreitet immer weiter voran - eine europaweite oder gar weltweite Einigung in Sachen Umweltpolitik ist jedoch nicht in Sicht - das zeigte nicht nur der im Dezember stattgefundene Klimagipfel in Südafrika. Es wird Aufgabe der Dänen sein, das Thema Umwelt auf der Agenda für Europa zu halten. Nicolai Wammen, danischer Minister für europäische Angelegenheiten : "Wir erleben, dass die führende Stellung Europas im Bereich der Umweltförderung derzeit von anderen Teilen der Welt angegriffen wird, weshalb wir die grüne Agenda in Europa vorantreiben müssen."

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.