Analyse
Globale Rolle

„Einen als Papst verkleideten Menschen“ nannte die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz den populären Johannes XXIII. und das war sehr wohlwollend gemeint.

Ähnlich werden Millionen Menschen in den nächsten Tagen Benedikt XVI. erleben: Als Person, als Menschen, der seinen Wurzeln nachgeht und – vielleicht – auch ein Stück Abschied von seiner geliebten Heimat Bayern nimmt. Dem Menschen Joseph Ratzinger ist diese Reise zu gönnen ebenso wie den vielen Gläubigen zwischen München und Regensburg, die dem Kirchenoberhaupt nahe sein können. Doch würde Benedikt, selbst ein großer Freund der kontrovers geführten Debatte, wohl auch die Frage zulassen, ob nicht drängendere Probleme der Bewältigung harren, ob nicht Reisen in ganz andere Länder auf der Agenda stehen müssten.

In der Tat zentrieren nicht die Reisen als solche das erste deutsche Pontifikat nach fünf Jahrhunderten. Das zeichnet sich schon jetzt, mehr als ein Jahr nach der Wahl Ratzingers zum Pontifex, deutlich ab. Im Gegensatz zu seinem großen Vorgänger Johannes Paul II. versteht sich Benedikt nicht als Pilger, der die persönliche Nähe zu möglichst vielen der 1,1 Milliarden Katholiken sucht. Seinen Schwerpunkt legt der amtierende Papst vielmehr auf die geistige Durchdringung der Herausforderungen, die die Zeit an das – wie er in seinem gestern veröffentlichten Brief zur Bayern-Reise schreibt – „manchmal müde Christentum“ stellt.

Die ersten Schlüsse aus diesem Amtsverständnis hat Benedikt schon sichtbar gezogen. Im Gegensatz zu seiner Zeit als oberster Glaubenswächter betont er zwar weiter das Unverrückbare, sucht aber mehr noch Brücken zu schlagen und Gemeinsamkeiten aufzudecken. So in seiner ersten und bisher einzigen Enzyklika, in der er zumThema Liebe manches aufnimmt, was auch Vertreter der Moderne durchaus unterschreiben könnten.

Diese geistige Führerschaft ist innerkirchlich von erheblicher Bedeutung – als Verfestigung des Fundaments. Doch was ist Benedikt bereit, auch außerhalb der Kirche zur Bewältigung der großen globalen Fragen zu leisten? Ein Jahr nach der Inthronisation gibt es bisher noch nicht viele Anzeichen dafür, dass der Papst eine wirklich realpolitische Rolle einzunehmen gedenkt.

Seite 1:

Globale Rolle

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%