Analyse
Kleinfelds Befreiung

Die Nacht zum Freitag ist für Siemens eine Epochenwende. Der Rücktritt Heinrich von Pierers, des großen und – man darf es ruhig sagen – alten Mannes, bedeutet für den von Skandalen erschütterten Technik-Riesen eine Entlastung. Und vielleicht ist es sogar noch mehr. Für Klaus Kleinfeld jedenfalls, Pierers Nachfolger im Amt des Vorstandschefs, ist es zweifellos eine Befreiung.

Denn über Monate, wenn nicht Jahre war die Machtfrage an der Spitze des Konzerns letztlich nicht geklärt, auch das ist ein Grund dafür, warum der Nachfolger auf dem Chefsessel in seinen strategischen Entscheidungen ein Tempo an den Tag legte, das manchmal Freund und Feind verwirrte.

Auf lange Sicht wird sich zeigen, dass diese prekäre Machtkonstellation an der Spitze des Konzerns mitentscheidend dafür war, dass Siemens derart beschädigt aus den Skandalmonaten hervorgegangen ist. Denn nie hat es an der Spitze des Konzerns in diesen so heiklen Monaten eine Vertrauensbasis gegeben, die für eine glaubwürdige Aufklärungsstrategie so bitter nötig gewesen wäre. Und nur mit ihr wäre das Image-Desaster aufzuhalten gewesen.

Zeitpunkt verpasst

Immer hat jeder der beiden zunächst vor allem an sich gedacht, an sich denken müssen. Schließlich stand schnell schon das Erbe Pierers zur Debatte, Kleinfeld aber musste stets darauf bedacht sein, nicht in die Mühlen der Skandale zu geraten. Während Pierer so den Zeitpunkt für einen ehrenhaften Abgang verpasste, fand Kleinfeld erst viel zu spät in die Rolle des Oberaufklärers. Das kostete auch ihn erheblich an Glaubwürdigkeit, insofern ist auch er alles andere als unbeschädigt aus den vergangenen Monaten heraus gekommen.

Dennoch, schon in knapp einer Woche, bei der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen, wird sich zeigen, dass Klaus Kleinfeld eine zweite Bilanz zu präsentieren hat: eine, die seine beachtliche Rede während der Hauptversammlung im Januar, in der er von den beiden unterschiedlichen Gesichtern von Siemens sprach, mit Fakten absichert. Klaus Kleinfeld hat sein lange belächeltes Ziel, alle Geschäftsbereiche binnen zwei Jahren so profitabel zu machen, dass sie sich mit der Weltspitze messen können, offenbar erreicht. Glaubt man den Prognosen der Analysten und den Hinweisen des Unternehmens, ist ihm dies sogar eindrucksvoll gelungen.

Unterstützt von einer höchst stabilen Weltkonjunktur und einem kräftigen Aufschwung in Europa, wird Siemens am Donnerstag somit erfreuliche Halbjahreszahlen präsentieren. Selbst die lange Zeit aussichtslos scheinende Reparatur des Bereichs Ist-Dienstleistungen (früher SBS, jetzt SIS) soll den Weg in eindeutig schwarze Zahlen gefunden haben. Die Quartalszahlen im Konzern sollen „hervorragend“ ausfallen, heißt es. Im Durchschnitt erwarten die Analysten einen Umsatz von 20 Mrd. Euro, einen Auftragseingang von 22 Mrd. Euro und einen operativen Gewinn der zehn Bereiche von bis zu 1,8 Mrd. Euro. Der Mann mit dem Jungengesicht, er hat an dieser Stelle Grund, uns wieder sein nettes Lächeln zu zeigen.

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