Analyse
Münteferings Alternative

Eigentlich läuft für die SPD fast alles nach Plan. Parteiinterne Streitereien überlassen die Sozialdemokraten in diesem Sommer vorzugsweise der Union. Bei den Kundgebungen drängeln sich erstaunlich viele interessierte Zuhörer, und der Kanzler erfreut sich in der Bevölkerung unverändert hoher Popularität. Glücklich können die Wahlstrategen im Willy-Brandt-Haus trotzdem nicht sein.

Im Gegenteil: Vier Wochen vor dem Urnengang muss ihnen hinter der demonstrativ optimistischen Fassade die pure Angst im Nacken sitzen. Seit ihrem Absturz im März hängt die SPD nahezu regungslos im Keller der Demoskopen. Gerade mal einen oder zwei Prozentpunkte hat die Regierungspartei in diversen Umfragen im August zulegen können. Doch was sind 28, 29 oder selbst 30 Prozent im Vergleich zu 42 Prozent für die Union?

Ein Unterschied von gerade mal sechs Punkten, antwortet schlitzohrig SPD-Chef Franz Müntefering. Schließlich habe sich die Hälfte der Wähler noch nicht entschieden, weshalb von 100 Personen eigentlich nur 21 der CDU/CSU zugerechnet werden dürften, während die SPD bereits 15 überzeugt habe. Spinnt man die Argumentation weiter, dann muss die SPD, notfalls mit Hilfe der Grünen, nur alle Unentschlossenen überzeugen, und schon wäre eine satte Mehrheit gesichert.

Zur Motivation der eigenen Truppe mögen derart phantastische Zahlenspiele taugen. In der Öffentlichkeit glaubt aber mit gutem Grund niemand mehr daran, dass die Sozialdemokraten am 18. September die Union überflügeln können. Erfahrene Genossen rechnen inzwischen hinter vorgehaltener Hand kaum mit mehr als 31 oder 32 Prozent der Stimmen. Jedes Ergebnis, das den schmählichen Negativrekord von 33,5 Prozent überträfe, den der abtrünnige Ex-Parteichef Oskar Lafontaine 1990 einfuhr, wäre ein psychologischer Riesenerfolg.

Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wird Rot-Grün im Spätherbst also endgültig verwelkt sein. Aktuelle Umfragen sehen Schwarz-Gelb wieder vorn. Doch selbst wenn es für die bürgerliche Koalition nicht reichen sollte, könnte die SPD nur mit neuen Partnern an der Macht bleiben.

Hier liegt das Dilemma der Sozialdemokraten. Offiziell ziehen sie mit zwei Zielen in den Wahlkampf: Sie wollen stärkste Partei bleiben und Schröder als Kanzler im Amt halten. Das erste Vorhaben erscheint praktisch aussichtslos, das zweite kaum wahrscheinlicher. Ganz unabhängig davon, ob die Bürger der Partei nach sieben ziemlich wechselhaften Jahren die Lösung der ökonomischen Probleme noch zutrauen, fehlt der SPD also eine elementare Voraussetzung für politischen Erfolg: eine nachvollziehbare Machtoption.

Seite 1:

Münteferings Alternative

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%