Analyse
Pol des Gedenkens

Wenn am morgigen Dienstag das Denkmal für die ermordeten Juden Europas seiner Bestimmung übergeben wird, findet ein lange Jahre heftig umstrittenes Projekt seinen Abschluss - zumindest vordergründig. Natürlich ist das Mahnmal in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tores und des ehemaligen Bunkers von Adolf Hitler nicht als „betonierter Schlussstrich“ unter das von Deutschen verursachte Grauen des Völkermords zu verstehen. Vielmehr markieren die 2 711 Betonstelen einen wichtigen Bezugspunkt in einer Zeit des Erinnerungswandels.

Das, was vergangen ist, lebt nur in der sich permanent erneuernden Vergegenwärtigung durch Überlieferung. Für die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur haben dafür in den vergangenen sechs Jahrzehnten Zeitzeugen Sorge getragen. Diese Unmittelbarkeit, begleitet oft von ausgeprägter Emotionalisierung, wird es in naher Zukunft nicht mehr geben. Denn die Generation der Zeugen stirbt aus. Damit geht die Unmittelbarkeit individueller Erfahrung in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft über - und die Vergangenheit wird künftig noch weitaus stärker der Rekonstruktion aus Indizien unterliegen und somit der Interpretation als schon bisher.

Allen künftigen Ausschlägen des deutschen Erinnerungskompasses wird das Holocaust-Mahnmal als Pol dienen. Dafür haben sich die jahrelangen Auseinandersetzungen, die dem Bau vorausgegangen sind, gelohnt. Fast 17 Jahre wurde um die Gestaltung des Ortes gerungen:Würde sich ein monströses Verbrechen ästhetisch-architektonisch darstellen lassen? Stimmt der Ort im Berliner Regierungsviertel?

Bedarf es einer didaktischen Aufbereitung? Anhänger synthetischer Gedenkstätten und authentischer Erinnerungsorte beäugten sich misstrauisch; letztere fürchteten, die Millionen Euro, die in das Mahnmal fließen, stünden nicht mehr für den Erhalt von Konzentrationslagern, den steinernen „Zeitzeugen“ zur Verfügung. Und debattiert wurde auch darüber, ob es legitim sei, ein Mahnmal allein den Millionen getöteten Juden zu widmen - schließlich quälten und ermordeten die Nazis auch Hunderttausende Sinti, Roma, Homosexuelle, Behinderte, Kommunisten und Andersdenkende. Einwände, Bedenken, Eitelkeiten im Vorfeld des Mahnmal-Baus sind Legion. Die Chronik der Entstehungsgeschichte ist auch eine Dokumentation der Schwierigkeiten der Deutschen im Umgang mit dem Gedenken an den Holocaust.

Das erste Jahrzehnt nach dem Völkermord war in Deutschland von der Verdrängung der Tatsachen geprägt. Es folgte die Phase der Vergangenheitsbearbeitung, wobei zwar von Aufarbeitung, aber lange noch nicht von Bewältigung die Rede sein konnte. Die eigentliche Anerkennung der Schuld bei gleichzeitiger Fähigkeit zur Selbstkritik ließ bis in die 80er Jahre auf sich warten. 1985, zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, erteilte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker allen Tendenzen, die NS-Zeit zu relativieren, eine klare Absage. Der Historiker Sebastian Ullrich bezeichnet Weizsäckers Rede als „Schlüsseldokument bundesdeutscher Erinnerungskultur“. Tatsächlich hat sie verdeutlicht, dass der differenzierte Umgang mit der dunklen Vergangenheit nunmehr zur Staatsräson der Bundesrepublik gehört, ja, gehören muss - dahinter konnte man auch nach Kohls „Gnade der späten Geburt“ Mitte der 90er Jahre gottlob nicht mehr zurück.

Die zentrale Frage lautet: Wie wollen wir uns erinnern? Eine mediale Flut von Bildern bringt uns Nachgeborenen Hitler und sein Regime in diesen Monaten so nah, wie nie zuvor. Persönliche Schicksale werden archiviert, was das Zeug hält. Das ist gut und notwendig. Allein, verpufft die Kraft der Bilder bisweilen nicht im medialen Overkill? Verklingt die Trauer nicht manches Mal im Wortgeklingel? Auseinandersetzung mit Geschichte bedarf auch der Symbolik. Eine solche weist räumlich und zeitlich über den Ort, den Moment hinaus. Das Holocaust-Mahnmal verdichtet die millionenfach gemachten Erfahrungen von Gewalt - und erinnert uns Deutsche daran: Wir waren Urheber!

„Im besten Sinne anstößig“, soll das Denkmal nach dem Willen des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse sein. Und Kanzler Gerhard Schröder wünscht sich das 19.000 Quadratmeter umfassende Stelenfeld als „einen Ort, an den man gerne geht.“ Letzteres ist viel verlangt - wer mag schon die Konfrontation mit der eigenen Schuld. Und doch, es stimmt ja: Stellen wir uns der Vergangenheit und der damit verbundenen Verantwortung gern. Denn nur wo Vergangenes wach gehalten wird, hat Gegenwart eine Zukunft. Mit Sicherheit.

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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