Analyse: Raketendebakel verschärft Angst vor neuem Atombombentest

Analyse
Raketendebakel verschärft Angst vor neuem Atombombentest

Nach dem misslungenen Raketentest Nordkoreas stehen die Zeichen nicht auf Entspannung. Ganz im Gegenteil. Das Debakel könnte dramatische Folgen haben: den dritten Test einer Atombombe.
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TokioDer fehlgeschlagene Raketentest ist weit mehr als nur ein PR-Debakel für Nordkoreas jungen Führer Kim Jong Un, der mit dem Start eines Weltraumsatelliten den 100. Geburtstag seines Großvaters und Staatsgründers Kim Il Sung feiern wollte. Er könnte eine dramatische Eskalation in Ostasien auslösen. Experten befürchten bereits, dass der Norden auf den nun folgenden diplomatischen Druck des Westens mit einem dritten Atomtest nach 2006 und 2009 reagieren könnte. Südkoreas Geheimdienst behauptet, dass die Vorbereitungen für einen Test in der Endphase seien.

Ein Atomtest ist das Szenario, das Diplomaten am meisten fürchten. Schon der Raketenstart hat alle Aussichten auf eine Entspannung auf der hochmilitarisierten koreanischen Halbinsel zerstört. Denn US-Präsident Barack Obama kann es sich vor den Präsidentschaftswahlen nicht mehr erlauben, wie im Februar einen Tausch von Lebensmitteln gegen vage Zugeständnisse des Nordens auszuhandeln. Doch ein Atomtest würde die Isolation Nordkoreas nicht nur zementieren, sondern auch die Beziehungen zu seinem einzigem Verbündeten China belasten.

Dies sind keine guten Aussichten für Nordkoreas Nachbarn. Sie müssten dann ohne die Möglichkeit zum direkten Dialog damit leben, dass ein intransparentes und möglicherweise instabiles Regime mit Hang zu überraschenden militärischen Provokationen den Finger am Auslöser einer Atombombe hat.

Unglücklicherweise ist die Chance recht hoch, dass genau dieser Fall eintrifft. Die USA, Südkorea, Japan und viele weitere Staaten, darunter Deutschland, haben bereits eine harte Verurteilung Nordkoreas durch den UN-Sicherheitsrat gefordert. Dies würde Nordkorea wahrscheinlich als Kriegserklärung denunzieren. Dass eine Resolution den Sicherheitsrat passiert, ist angesichts Chinas ambivalenter Position gegenüber dem Norden zwar unsicher. Aber der Norden könnte schon auf den Versuch des Westens den Einsatz im atomaren Pokerspiel erhöhen. Sanktionen schrecken den Norden nicht, solange China nicht mitmacht. Und der politische Gewinn ist hoch für Führer Kim, der erst ein paar Monate im Amt ist. Nordkorea würde sich als Atommacht etablieren.

Ein dritter Test sei wahrscheinlich alles, was dem Norden zum Bau einer funktionsfähigen Bombe fehle, warnte der Atomexperte Siegfried Hecker, der frühere Leiter des US-Atomlabors Los Alamos. Zwar verfügt das Land noch immer nicht über Raketen, um eine Atombombe effizient und rasch auszuliefern. Dies hat der fehlgeschlagene Satellitenstart eindrucksvoll bewiesen. Aber in die Ecke gedrängt, könnten weitere Raketentests folgen, wenigstens solange China Nordkorea nicht den Geldhahn und Warenstrom zudreht.

Dass die neue Führung damit möglicherweise auch den letzten Willen seines im Dezember 2011 verstorbenen Führers Kim Jong Il erfüllt, macht eine Eskalation noch wahrscheinlicher. Lee Yun-keol, der Chef der angesehenen südkoreanischen Denkfabrik NK Strategic Information Service Centre, will Kims Testament von einem hochrangigen nordkoreanischen Kader erhalten haben. Das japanische Magazin Shukan Bunshun zitiert daraus Kims letzten Rat: „Behaltet in Erinnerung, dass die konstante Entwicklung von nuklearen Waffen, Langstreckenraketen und biochemischen Waffen der Weg ist, den Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu halten. Und senkt nie das Schild.“

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

Kommentare zu " Analyse: Raketendebakel verschärft Angst vor neuem Atombombentest"

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  • Beim letzten Test wurde unter anderem die Hypothese vertreten, die Nordkoreaner haetten eine atomare explosion simuliert indem sie mit konventionellem Sprengstaoff radioaktives Material in den Aether bliesen. Ich kann nicht beurteilen, ob diese These etwas fuer sich hat.

  • Lasst die Nordost-Asiaten doch. 25 Mil. mehr mit denen wir die globalen Rohstoffe teilen müssten. Erstmal die Energiewende durchziehen.

  • Totaler Unsinn zu glauben das es zu einer atomaren Eskalation fuehren koennte- die Zeiten sind vorbei aber die Medien versuchen immer noch diese Angstzenarien in den Lesern zu provozieren.

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