Analyse
Schiedsrichter und Spieler

Heute vor genau einem Jahr brach die Deutsche Börse AG ihren Versuch ab, die Londoner Börse zu übernehmen. Der „Mr. Börse“ der Sparkassen, Manfred Zass, über die Frage, ob Börsen überhaupt an die Börse gehen sollten.

Immer noch wird die weltweite Börsenlandschaft von den Ausläufern des damaligen Unwetters tangiert. Dabei haben sich mehrere Gravitationszentren der Diskussion gebildet, jedes für sich vordergründig schlüssig und geeignet, bei nicht zu tief gehender Analyse die Überschriftenhoheit zu dominieren.

Man kann die Vorgänge um die Deutsche Börse trefflich als Folge der Globalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte sehen; man kann die neue Macht der Hedge-Fonds und ihrer Alliierten beklagen oder begrüßen; man kann den Zwang zur weltweiten Vernetzung übers Internet als einen Auslöser der Entwicklung betrachten oder zu dem Schluss kommen, dass Finanz(Markt)-Interessen anglo-amerikanischer Herkunft der neureichen und vorlauten Deutschen Börse einmal die Grenzen zeigen wollten. Diese Aufzählung ließe sich noch fortsetzen, und in jeder These steckt zugegebenermaßen auch die Frage, ob die Akteure der Börse lediglich Getriebene oder zeitweise auch Treiber waren.

Doch diese Argumente decken das Ganze nur partiell und manchmal nach jeweiliger Interessenlage ab. Die Grundsatzfrage für die Deutsche Börse, die unlängst durch die zwei Interventionen des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch wieder tangiert wurde, lautet: Dürfen/sollen Börsengesellschaften überhaupt börsennotiert sein, und wenn ja, unter welchen Bedingungen, – oder unbeschränkt in der Hoffnung, der Markt werde es schon richten? Daneben gibt es den fusionsrelevanten Aspekt, ob sich Börsen als „Silo“ entlang der Wertschöpfungskette oder lediglich als Börsenbetreiber verstehen sollten.

Blenden wir zurück in das Jahr 2000. Die Aktienmärkte erreichten ein Stimmungs- und Kurshoch, das durch neue Techniken und Freiheiten unterstützt wurde. Markenzeichen dieser Tendenz waren der vielfache Abbau von Zutrittsschranken und der liberale Umgang mit Meldepflichten. Was lag näher, als den Börsengang der Börse als Krönung einer Entwicklung zu betreiben, die mit der Herauslösung aus der öffentlichen Trägerschaft im Jahr 1992 begonnen hatte. Damit setzte sich die Börse an die Spitze einer weltweiten Bewegung – ein Schritt, der von der bis dato eher bedächtigen deutschen Finanzwelt nicht erwartet worden war.

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