Analyse
VDO reißt Contis Siegerimage runter

Vor genau einem Jahr sonnte sich der Autozulieferer Continental noch nach der Übernahme des Konkurrenten VDO im Glanz neuer Größe. Damit ist es nun vorbei. Das Siegerimage ist Vergangenheit. Wann es wiederkehrt, völlig ungewiss.
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Das Glas ist stets sowohl halb voll als auch halb leer. So gesehen, weisen die heute in Hannover vorgelegten roten Zahlen des Autozulieferers Continental für 2008 Lichtblicke und dunkle Flecken auf. Die Umsatzrendite sank aufgrund von massiven Abschreibungen auf den Zukauf VDO von 10,1 auf-1,2 Prozent. Das operative Ergebnis fiel aus dem gleichen Grund von 1,7 Mrd. Euro auf fast-300 Mio. Euro. Geht es nach Conti-Chef Karl-Thomas Neumann, fällt die Dividende dieses Jahr aus, um die eigenen Schulden abzubauen. Großaktionär Schaeffler schaut bei seinem Schuldendienst in die Röhre

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Vor genau einem Jahr sonnte sich der damalige Conti-Chef Manfred Wennemer wenige Monate nach der Übernahme der fast gleich großen VDO noch im Glanz der neuen Größe als Europas Autozulieferer Nummer zwei hinter Bosch. Doch das Siegerimage ist längst Vergangenheit, VDO ein Problemfall für Conti. Selbst das Umsatzwachstum fiel mit knapp 46 Prozent auf gut 24 Mrd. Euro geringer aus als beim Kauf von VDO 2007 erwartet.

Der größte Schatten liegt auf dem Kerngeschäft des Zukaufs: Die Division Powertrain, die Komponenten für Motoren und Getriebe herstellt, steckt tief in der Misere. Und das nicht nur aufgrund des Absatzeinbruchs auf den weltweiten Automärkten.

Die Probleme, das weiß auch Conti-Chef Karl-Thomas Neumann, sind hausgemacht. VDO-Verkäufer Siemens hatte den Bereich vor dem Abstoßen im Jahr 2007 sträflich vernachlässigt - und sich grundsätzlich gewaltig in den Aussichten verschätzt. Neumann persönlich verantwortet den Aufbau einer erfolgversprechenden neuen Struktur.

Die Versäumnisse des Vorbesitzers kommen Conti teuer zu stehen. Der zu zahlende Preis für VDO wird immer höher. Im Jahr 2008 mussten die Niedersachsen 1,23 Mrd. Euro auf den Bilanzwert von VDO (Goodwill) abschreiben. Weiterer Handlungsbedarf ist nicht ausgeschlossen.

Das angekündigte letzte große Bilanz-Manöver des scheidenden Finanzchefs Alan Hippe - er fängt demnächst bei Thyssenkrupp an - macht 2008 für die Niedersachsen bilanziell zu einem Jahr des Verlustes. Die gute Nachricht: Im Gegensatz zu vielen anderen verlieren sie operativ kein Geld.

Zu den hausgemachten Problemen kommen spätestens seit dem vierten Quartal in fast allen Divisionen die furchtbaren Folgen der Autokrise. Lediglich die Gummigruppe bringt dank stabilem Ersatzgeschäft und dem Schlauchspezialisten Conti-Tech vergleichsweise stabile Erträge und glänzt mit einer Umsatzmarge von 10,5 Prozent.

Auf Conti und dem neuen Eigentümer Schaeffler lastet ein Schuldenberg von gut 22 Mrd. Euro. Beide Seiten müssen dringend ihre Zuliefergeschäfte zusammenlegen. Doch noch immer ist unklar, wie das gehen soll. Unternehmererbe Georg Schaeffler blockiert aus Steueraspekten die operativ nahe liegende Lösung der Übertragung auf Continental. Immerhin konnte Conti trotz allem im vergangenen Jahr sein Schulden um fast 400 Mio. Euro reduzieren.

Horden von Wirtschaftsprüfern durchleuchten derzeit die Bücher des Familienunternehmens Schaeffler. Ein Konzept - Voraussetzung für Hilfe des Staates - entsteht allerdings so nicht. Der Eindruck, Schaeffler habe keinen aussichtsreichen Plan B, verfestigt sich. Nach dem Weggang von Finanzchef Thomas Hetmann könnten die Banken, die längst das Sagen im neuen Zulieferreich haben, ein weiteres Opfer verlangen: Schaeffler-Boss Jürgen Geißinger selbst.

"Ein respektables operatives Ergebnis", nennt Conti-Chef Neumann die Zahlen für das Jahr 2008. Die Programme zur Senkung der Kosten griffen, weitere werden aufgelegt."Weitreichende Restrukturierungsmaßnahmen" schließt er nicht aus. Einen konkreten Ausblick wagt Neumann jedoch nicht.

Zumindest scheint es an anderer Stelle Fortschritte zu geben. Demnächst will Conti-Kontrolleur Hubertus von Grünberg mit Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) über die geplante Ausgliederung der Gummigruppe sprechen. Paradoxerwise schlägt sich der historische Kern von Conti gerade im Vergleich zu Konkurrenten wie Goodyear in der Krise gut. Ob sich das Glas bald wieder füllt oder sich weiter leert, kann derzeit keiner sagen.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur

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