Analyse
Vom Diktator zum Freelance-Journalisten

Fidel Castros Rückzug ist keine große Überraschung mehr. Auffällig an seinem Brief, mit dem er auf eine erneute Kandidatur verzichtet, sind allerdings zwei Dinge.
  • 0

Fidel Castros definitiver Rückzug aus seinen Ämtern ist ein historischer Einschnitt. Fast 50 Jahre lang hat dieser ebenso genial wie ruchlose Politiker die Geschicke Kubas bestimmt. Dabei hat er immer wieder enge Mitstreiter hinrichten, einkerkern oder außer Landes schaffen lassen, wenn er fürchtete, sie würden ihm gefährlich. Dennoch gelang es ihm, im Ausland große Sympathien zu gewinnen, bis hin zu Intellektuellen und Schriftstellern wie Garcia Marquez, die er mit seinem Charme für sich einnahm.

Als Castro an die Macht kam, regierte in der Bundesrepublik noch Konrad Adenauer. Castro hat die Welt in der Kuba-Krise 1962 an den Rand eines Atomkrieges geführt. Er hat seinem Land ein Gesundheits- und Erziehungswesen verpasst, das in mancher Beziehung noch vorbildlich ist für Lateinamerika und die Karibik, aber er hat es auch in einer Armut, Unfreiheit und Perspektivlosigkeit gefangen gehalten, die bedrückend sind. Anfangs irrlichterte er zwischen einer nationalen Revolution, die nur auf Unabhängigkeit zielt, und dem Sozialismus.

Am Ende wird von seinem Sozialismus wenig bleiben, dafür aber als dauerhaftes Faktum, dass Kuba voraussichtlich nie wieder ein Anhängsel der USA sein wird - eine paradoxe Bilanz. Mit dem venezolanischen Präsidenten Huga Chávez hat er sich einen politischen Ziehsohn geschaffen, der noch nicht am Ende seiner Karriere ist.

Fidels Rückzug ist keine große Überraschung mehr. Auffällig an seinem Brief, mit dem er auf eine erneute Kandidatur verzichtet, sind allerdings zwei Dinge: Er gibt keinerlei Empfehlung darüber ab, wer ihm nachfolgen soll. Eigentlich wäre es selbstverständlich, dass er seinen Bruder Raul zumindest erwähnt, wenn nicht sogar direkt empfiehlt, der ihn ja bereits seit fast zwei Jahren vertritt. Der große "Comandante en Jefe" tritt ab und hinterlässt - eine Leerstelle. Er verweist nur darauf, dass es neben einigen "historischen Führern" mittlerweile auch viele Vertreter der jungen Generation gebe, die wichtige Ämter bekleiden.

Kubanische Regierungsvertreter begründen das mit Fidels großem Respekt vor der souveränen Entscheidung der Nationalversammlung, die am Sonntag wählen werde. Was sollen sie auch sonst tun. Sicher ist, das es seit einiger Zeit Spannungen zwischen Fidel und seinem Bruder gab: Raul setzt auf behutsame wirtschaftliche Reformen, auf ein System, in dem Arbeit und Leistung sich zumindest ansatzweise lohnen. Fidel dagegen wollte an der reinen Lehre festhalten, die von allen Kubanern die Selbstaufopferung für die Revolution verlangt.

Damit kommen wir zur zweiten interessanten Passage in Fidels Schreiben: Er versucht nicht, der künftigen Führung einen Kurs vorzugeben. Kein Wort findet sich zu dem politischen und wirtschaftlichen Weg, den seine Nachfolger gehen sollen. Dieser Verzicht auf Orientierung ist auch ein Zeichen dafür, dass Fidel sich schon weit von der tatsächlichen Führung der politischen Geschäfte entfernt hat. Er ist zu schwach, um noch einen Kurs zu diktieren, und man darf vermuten, dass Raúl sich das verbeten hat.

Noch steht nicht fest, dass Raúl tatsächlich Fidels Erbe antritt. Alles andere wäre allerdings eine extreme Überraschung. Raúl hat sich bereits seit dem August 2006 als de facto-Staatsoberhaupt etabliert, er hat die Armee hinter sich, die auf Kuba viel wichtiger ist als die Kommunistische Partei, und es ist ihm gelungen, die verschiedenen politischen Strömungen bislang zu moderieren und verbinden. Nichts fürchtet das militärische und politische Establishment so wie eine Selbstzerfleischung des Landes, die zum Bürgerkrieg führt.

Man darf aber nicht übersehen, dass nur noch ein geringer Teil der Mitglieder in der neuen Nationalversammlung wie Raúl der "historischen Generation" angehört, die an der Revolution beteiligt war. 70 Prozent sind nach 1959 geboren, weitere fast 15 Prozent waren nicht einmal Teenager, als Castro in Havanna einmarschierte.

Diese jüngere Generation wird nicht nur darauf bestehen, weiterhin an der Macht beteiligt zu werden. Irgendwann muss auch entschieden werden, in welche Richtung es nach Rauls Rückzug oder Tod - er ist bereits 76 Jahre alt - weiter gehen soll. Politisch sind die Jüngeren nicht einheitlich gestrickt: Es gibt Hardliner wie den Außenminister Perez Roque und moderate Reformer wie den Vizepräsidenten Carlos Lage. In den nächsten Tagen wird deshalb besonders spannend sein, ob sich aus der Zusammensetzung der neuen Staatsführung bereits ablesen lässt, wie der Kampf um Reform oder Kontinuität entschieden wird. Fidel wird darauf nur noch begrenzt Einfluss haben - aber weiter fleißig seine Artikel in der Parteizeitung verfassen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Analyse: Vom Diktator zum Freelance-Journalisten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%