Analyse
Wahnsinnig genial

Rupert Murdoch wird seinem Ruf als schöpferischer Zerstörer der Medienwelt wieder einmal gerecht. Sein überraschendes Angebot für den Verlag Dow Jones hat die Branche in helle Aufregung versetzt. Von „wahnsinnig“ bis „genial“ reichen die Reaktionen auf seine Offerte von fünf Mrd. Dollar. Wobei Wahnsinn und Genialität bekanntlich oft nah beieinander liegen.

Verrückt ist der 76-Jährige keinesfalls. Ob sein Angebot ökonomisch Sinn macht, ist nicht nur die entscheidende Frage für Murdoch. Es ist auch der Knackpunkt für die Bancroft-Familie, die dank ihrer Mehrfachstimmrechte das letzte Wort über das Schicksal von Dow Jones spricht.

Murdoch bietet 60 Dollar je Aktie. Das ist eine Prämie von 67 Prozent auf den letzten Börsenkurs vor dem Angebot. Zugleich entspricht es fast dem 40-fachen des Gewinns, den Dow Jones in diesem Geschäftsjahr erwartet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis schlägt sogar noch den vergleichbaren Wert für den Internetstar Google. Von anderen Aktien der so genannten „Old Media“ ganz zu schweigen.

Auf den ersten Blick lässt sich ein derart hoher Kaufpreis kaum rechtfertigen. Zumal Dow Jones mit seinem publizistischen Flaggschiff „Wall Street Journal“ in ähnlich schwierigem Fahrwasser fährt wie viele andere Zeitungshäuser. Leser und Anzeigenkunden wandern ins Internet ab, die Verlage suchen verzweifelt nach einer Online-Strategie und die Börse kehrt der Branche den Rücken. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Angebot in den Augen vieler Analysten mehr mit den publizistischen und politischen Ambitionen Murdochs erklären als mit einem ökonomischen Geniestreich.

Der Medienunternehmer hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er das „Wall Street Journal“ gerne als publizistische Krönung seiner Trophäensammlung sehen würde. Insbesondere die einflussreiche Meinungsseite des Journals hat es dem konservativen Medienbaron angetan. Wer Murdoch kennt, weiß dass politischer Einfluss für ihn immer eine große Versuchung dargestellt hat. Murdoch war nie nur Unternehmer, sondern immer auch politischer Missionar.

Man würde den alten Fuchs der Medienbranche jedoch unterschätzen, wenn man seinen letzten Schachzug als fixe Idee eines Größenwahnsinnigen abtun würde. Ganz im Gegenteil. Wer sich die Strategie des Medienunternehmers genau ansieht, wird feststellen, dass sein wirtschaftlicher Ehrgeiz seinen publizistischen Ambitionen in nichts nachsteht. Die Neuausrichtung bei der „Times“ in London ist dafür ein ebenso gutes Beispiel wie der geniale und überaus lukrative Kauf der Internetseite „My Space“.

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