Analyse
Wettbewerbsfähigkeit: Der Wille fehlt

Kein Wort fällt häufiger in der deutschen wirtschaftspolitischen Debatte als dieses: Wettbewerbsfähigkeit. Gefährdet sei sie oder gar schon verloren, klagen Verbandsfunktionäre, Politiker, Wissenschaftler und Unternehmensführer. Verräterisch ist das Schlagwort, weil es eine schicksalhafte Entwicklung suggeriert: Die Fähigkeit zum Wettbewerb scheint uns verloren zu gehen wie einem Unfallopfer die Bewegungsfähigkeit oder einem Greisen die Sehfähigkeit.

Doch sind wir wirklich nicht mehr fähig zum Wettbewerb, oder ist es nicht vielmehr so, dass uns der Wille fehlt? Warum sollte Deutschland plötzlich verlernt haben, Produkte herzustellen, die auf dem Weltmarkt begehrt sind, oder Forscher hervorzubringen, die epochale Entdeckungen machen? Sind uns nicht vielmehr der Eifer und der Ehrgeiz aufstrebender Nationen wie China und Indien fremd geworden?

Im Grunde ist das Land geteilt: Deutschlands Unternehmen stellen sich dem Wettbewerb, und zwar überwiegend erfolgreich, sonst wären wir auf dem Weltmarkt nicht so stark vertreten. Gewerkschaften und Betriebsräte, die klagen, man könne doch nicht auf einmal mit Fabriken in Osteuropa oder Asien konkurrieren, müssen sich fragen: Was ist die Alternative? Wer sich als Exportweltmeister rühmt, kann seine Märkte nicht abschotten.

Doch jenseits der Wirtschaft gibt es große Teile der Gesellschaft, in denen der freie Wettbewerb weitaus unpopulärer ist. Zum Beispiel im Bildungssystem. Einst ein Trumpf Deutschlands, heute international nur noch Mittelmaß. Unsere besten Forscher gewinnen ihre Nobelpreise in den USA. Doch die Mehrheit der Bildungspolitiker sträubt sich mit Händen und Füßen gegen einen freien Wettbewerb der Universitäten. Lieber lassen sie eine Behörde die Studenten auf die Hochschulen verteilen. Und Studiengebühren sind verboten. Beides zusammen garantiert, dass gute und schlechte Universitäten weiterhin gleich unzureichend mit Geld versorgt werden. So werden wir keine Elite herausbilden, nicht mit Harvard oder Oxford konkurrieren können.

Eng damit verbunden ist das Dilemma der Forschung. In Deutschland werden viele Technologien entwickelt, die Unternehmen in anderen Ländern zu Weltmarkterfolgen führen. Überwiegend ist das damit zu erklären, dass deutsche Wissenschaftler meist nicht den Biss haben oder nicht die Mittel in die Hand bekommen, ihre Forschungen als Unternehmer wirtschaftlich zu verwerten.

Bestes Beispiel dafür ist die Biotechnologie. Sie wird die Welt verändern und die vielleicht entscheidende Wachstumsbranche dieses Jahrhunderts sein. Deutschland steht in der Forschung gut da. Aber sorgen wir auch dafür, dass die Ergebnisse hier zu Geld gemacht werden? Oder ekeln wir die Produktion mit überzogenen Sicherheitsanforderungen aus dem Land, weil wir einen freien Wettbewerb nicht zulassen wollen?

Ein großer Teil unserer Volkswirtschaft ist fast völlig dem Wettbewerb entzogen. Die Rede ist vom Gesundheitswesen, einem von Jahr zu Jahr unübersichtlicheren Moloch. Wo bleibt die Reform, die Marktkräfte freisetzt und endlich einen effizienten Einsatz der Milliarden von Euro bewirkt, die wir jährlich in das System pumpen?

Machen wir uns nichts vor, der mangelnde Wille zum Wettbewerb hat tief reichende gesellschaftliche Wurzeln. Auf der internationalen Bühne haben wir Deutschen uns nach dem Krieg jahrzehntelang mit Nebenrollen begnügt, uns kleiner gemacht, als es unsere wirtschaftliche Stärke erlaubt hätte. Dafür haben wir eine extrem konkurrenzfähige Wirtschaft aufgebaut. Jetzt wachsen unsere weltpolitischen Ambitionen, doch das Interesse am Wettkampf, der alle Teile der Gesellschaft mitreißen muss, haben wir verloren. Wir sind nicht mehr politische, sondern ökonomische Pazifisten.

Mag sein, dass der bundesrepublikanische Wohlstand träge macht. Die Gesellschaft ist nicht mehr so flexibel, so durchlässig wie in der Nachkriegszeit. Aufsteiger haben es heute schwerer. Doch das erklärt nicht, warum es hier zu Lande so verpönt ist, nach Reichtum zu streben, warum die Erfolgreichen derart leidenschaftlich beneidet werden, warum Einkommensunterschiede als so ungerecht empfunden werden.

Das Problem ist: Deutschland ist wettbewerbsfähig, aber nicht wettbewerbswillig. Es geht nicht darum, die Lohnkosten hier und da um ein paar Prozent zu drücken. Es geht um das Verständnis dafür, dass wir uns in einem weltweiten Wettbewerb befinden – ob wir den fair finden oder nicht. Es geht um den gesellschaftlichen Konsens, dass freier Wettbewerb die besten Resultate bringt und dass erst diese Resultate ein starkes Sozialsystem ermöglichen. Das ist nicht weniger als die Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%