Analyse zu US-Präsidentschaftswahlen: Lebendiges Amerika

Analyse zu US-Präsidentschaftswahlen
Lebendiges Amerika

Lange ist es her, dass Wahlen in den USA die Menschen weltweit derart fasziniert haben. Die US-Demokratie ist frisch und lebendig wie selten zuvor. Und nach den ersten Tests in Iowa und New Hampshire erweist sich das Wahlvolk als exzellente Jury. Denn welcher Kandidat auch immer glaubte, einfach zum Sieg durchmarschieren zu können, hat die Bürger Amerikas unterschätzt. Eine Analyse.
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Wer nach den ideologiebeschwerten Jahren des George W. Bush der amerikanischen Demokratie nichts mehr zutraute, wird in diesen Tagen eines anderen belehrt. Lange ist es her, dass Wahlen in den USA die Menschen weltweit derart fasziniert haben. Die US-Demokratie ist frisch und lebendig wie selten zuvor. Und nach den ersten Tests in Iowa und New Hampshire erweist sich das Wahlvolk als exzellente Jury. Denn welcher Kandidat auch immer glaubte, einfach zum Sieg durchmarschieren zu können, hat die Bürger Amerikas unterschätzt. Der Weg zur Nominierung ist hart und beschwerlich.

Was dabei die vier Gewinner aus den ersten beiden Vorwahlen verbindet: Sie sind alle weitgehend authentisch. In besonderem Maß trifft dies auf die Republikaner Mike Huckabee und John McCain zu, die gegen den Mainstream – auch ihrer eigenen Partei – ihrem Stil treu geblieben sind. Wofür sie stehen muss dabei nicht jedem gefallen. Aber sie präsentieren auf keinen Fall eine Wundertüte, die für jeden etwas parat hält. Nicht viel anders sieht es bei den Demokraten aus. Hillary Clinton, die ihr eigentliches Ich stets versteckt hat, ist gerade auf dem besten Weg, sich selbst wieder zu finden – und auf diese Weise zu gewinnen. Und Barack Obama verkörpert ohnehin einen Politikertypus ganz neuen Stils. Er ist offen, unkonventionell, charismatisch. Obama nimmt man ab, die Wahrheit zu sagen. Damit wird er zur Projektionsfläche für Hoffnungen und Wünsche.

Die amerikanische Sehnsucht nach Veränderung hat ihren Ursprung nicht erst seit der Unzufriedenheit mit George W. Bush. Die harte Konfrontation der Lager begann schon unter Bill Clinton, als die Demokraten zuweilen selbstherrlich regierten und die Republikaner daraufhin eine Hexenjagd einläuteten. George W. Bush, ganz im Bann der Ereignisse vom 11. September 2001, hat allerdings sechs Jahre lang keinen ernsthaften Versuch unternommen, über die Gräben hinweg zu reichen. Der Terroranschlag hat vielmehr noch jene Kräfte entfesselt, die ihre eigene neokonservative Agenda umsetzen wollten.

Doch diese Agenda war keine für ganz Amerika, es war eine zutiefst parteiliche, die einen Großteil der Bürger isolierte. Auf einmal gab es ein „red and blue America“, das sich feindlich gegenüberstand. Und es gab einen Präsidenten, für den sich viele Menschen zunächst einmal entschuldigten, wenn sie einen Ausländer trafen. So etwas hatte es in der Vergangenheit noch nie gegeben. Dies blieb nicht ohne Folgen: Denn auch wenn so mancher Amerikaner nicht gerade weltläufig ist, so macht es ihm natürlich etwas aus, wenn das Ansehen seines Landes in Richtung Nullpunkt sinkt.

Es ist dabei nicht nur leere patriotische Rhetorik, wenn die USA von ihren Politikern immer wieder als großartige Nation gepriesen werden. Die große Mehrheit der Menschen in Amerika ist nach wie vor ungemein Stolz auf das, was die USA sind: Wohlhabend, machtvoll, ein Zufluchtsort für Flüchtende – aber eben auch ein Beispiel für Courage und Mut zu Neuem. Eben daraus speist sich auch die Bereitschaft, einem Aufsteiger wie Barack Obama eine Chance zu geben. Dieser Wesenszug der amerikanischen Gesellschaft, diese Offenheit und Transparenz, war es in der Geschichte des Landes immer wieder, die seine Faszination ausgemacht hat. Es sind gute Nachrichten, die in diesen Tagen aus Amerika kommen. Endlich.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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