Analyse zum BIP-Rückgang: Wie Großbritannien aus dem Tal kommt

Analyse zum BIP-Rückgang
Wie Großbritannien aus dem Tal kommt

Ein kurzer, scharfer Abschwung, und dann geht es wieder aufwärts. Das war die Hoffnung der britischen Regierung. Ökonomen nennen so etwas eine V-förmige Rezession. Daraus wird wohl nichts. So steil wie seit 1980 nicht mehr ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal 2008 geschrumpft.
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Ein kurzer, scharfer Abschwung, und dann geht es wieder aufwärts. Das war die Hoffnung der britischen Regierung. Ökonomen nennen so etwas eine V-förmige Rezession. Daraus wird wohl nichts. So steil wie seit 1980 nicht mehr ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal 2008 geschrumpft. Die minus 1,5 Prozent im Quartalsvergleich lagen am untersten Ende der Prognosen von Volkswirten. Für das Gesamtjahr reduziert sich die Wachstumsrate damit auf 0,7 Prozent. Das ist wiederum der schwächste Wert seit 1992.

Viele Ökonomen rechnen inzwischen damit, dass das BIP auch in allen Quartalen des neuen Jahres schrumpft. Erst 2010 werde die Wende kommen, mit einem Minimal-Wachstum von unter einem Prozent aufs Jahr gerechnet. So etwas nennt man dann eine U-förmige Rezession.

Es gibt durchaus entlastende Faktoren: Die niedrigen Energiepreise helfen den Haushalten wie den Unternehmen, die Mehrwertsteuersenkung hat die Einzelhandelsinflation fast auf Null gedrückt und die Zinsen für Hypothekenkredite sind deutlich gesunken, was sich in einem Land mit meist jährlicher Zinsanpassung rasch in konkreten Entlastungen niederschlägt. Ein Vorteil sollte eigentlich auch die Schwäche des Pfund Sterling sein, doch die Exportindustrie konnte bisher überhaupt kein Kapital daraus schlagen. Im Gegenteil: Die Industrie schrumpfte um vier Prozent im Quartalsvergleich. Immerhin blähen Wechselkurseffekte die Bilanzen britischer Konzerne auf, die ihr Geld überwiegend im Ausland verdienen. Auf der anderen Seite verteuert das schwache Pfund allerdings die Importe und schmälert damit den willkommenen Effekt sinkender Energie- und Rohstoffpreise.

Drei Faktoren entscheiden letztlich, wie rasch die britische Wirtschaft wieder aus dem Tal kommt. Der wichtigste ist, ob es der Regierung gelingt, das Vertrauen in das Bankensystem wiederherzustellen und die Kontraktion der Kreditvergabe auf ein gesundes Maß zu beschränken. Zum anderen hängt viel davon ab, wann der Immobilienmarkt eine Talsohle erreicht. Hier mehren sich leider die Anzeichen, dass das nicht schon 2009 sein wird. Drittens hängt ein großer Teil der britischen Wirtschaft von der Entwicklung der globalen Ökonomie ab.

Großbritannien hat als erste der großen Wirtschaftsmächte die Wachstumszahlen für das vierte Quartal vorgelegt. Sie bestätigen, wie scharf der Abschwung Ende 2008 war. Hausgemachte Probleme sprechen dafür, dass die Rezession hier länger dauern könnte als in der Eurozone. Aber es ist nicht die Schwäche der Finanzindustrie, die das Land am meisten belastet: Sie entwickelte sich im vergangenen Quartal mit einem Minus von 0,5 Prozent nach dem Agrar- und Energiesektor noch am besten.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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