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Angela Kiesinger

Als „wandelnden Vermittlungsausschuss“ verulkten die Zeitungen den ersten Kanzler einer großen Koalition in Deutschland, Kurt Georg Kiesinger.

Auch Angela Merkel, gerade ein Jahr als Kanzlerin der zweiten großen Koalition im Amt, muss mit diesem Etikett leben. Wenn man die beiden Regierungen miteinander vergleicht, fällt jedoch ein entscheidender Unterschied ins Auge: Kiesingers Kabinett glänzte in seiner Hoch-Zeit durch seine Minister.

Willy Brandt, Franz Josef Strauß, Karl Schiller, Herbert Wehner, Hans Katzer verschafften ihm damals bei allem Streit und allen Gegensätzlichkeiten doch die Aura der politischen Kompetenz und der pragmatischen Durchsetzungsfähigkeit. Angela Merkel führt dagegen eine ganz und gar glanzlose Truppe an, in der bestenfalls noch der Finanzminister mit seinem forschen Zynismus für Aufmerksamkeit sorgt. Einige ihrer Minister gelten schon nach zwölf Monaten Amtszeit als Totalausfall, andere streben sichtbar auf das Altenteil zu. Die wichtigsten Hoffnungsträger beider Parteien mäkeln außerhalb der Regierung Merkel an der Arbeit herum, während Kiesinger die Schlüsselfiguren der damaligen Politik am Kabinettstisch versammeln konnte.

Auf der Regierung Merkel liegt deshalb ein Grauschleier der Mittelmäßigkeit und der frühen Ermattung, der selbst die durchaus vorhandenen Anfangserfolge der großen Koalition in ein trübes Licht taucht. Viele ihrer Minister besitzen die unheilvolle Gabe, sich ständig in ihren eigenen Winkelzügen zu verheddern. Noch nie war bei einer Bundesregierung die Versuchung so groß, schon nach einem Jahr nach einer schnellen Kabinettsumbildung oder gar Neuwahlen zu rufen – aber man weiß um die völlige realpolitische Unsinnigkeit dieser Forderungen.

Kiesinger selbst fehlte in den sechziger Jahren jede Begabung, sich als Reformer zu inszenieren. Seine Kanzlerschaft lag „zwischen den Zeiten“, wie sein Biograf Philipp Gassert schrieb. Dieses Schicksal könnte auch Merkel winken. Dabei läuft die Kanzlerin in ihren besten Momenten, völlig anders als Kiesinger, zu großer Überzeugungskraft auf. In den letzten Monaten hören wir von ihr jedoch wirtschaftspolitisch keine einzige neue, die Profanität des alltäglichen Kleinkleins überwölbende Idee. Die verzagten Selbstrechtfertigungsreden, die sie auf zweitrangigen Funktionärskongressen abspult, mobilisieren innerhalb und außerhalb ihrer Partei niemanden. Und die einzige Großtat ihrer Regierung, die man wirklich ganz persönlich mit ihr selbst verbindet, bleibt leider die völlig vermurkste Gesundheitsreform.

Ob die Kanzlerin als Angela Kiesinger endet, entscheidet sich schon recht bald. Kleine Koalitionen haben mehr Zeit, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Die Parteien einer kleinen Koalition können, wie zuletzt die rot-grüne, nach vier Jahren gemeinsam in einen Bundestagswahlkampf ziehen, große Koalitionen nicht. Sie zerbrechen sachpolitisch oder an persönlichen Konflikten mit gehörigem Abstand zum Wahltermin, selbst wenn sie formal bis zum bitteren Ende zusammenbleiben sollten. Beide großen Parteien müssen frühzeitig darauf achten, sich eine günstige Ausgangsposition für den Bundestagswahlkampf zu verschaffen. Spätestens 2008 geht deshalb im Kabinett gar nichts mehr.

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