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Angriff auf unsere Werte

Wer es sich leicht machen will, der könnte dieser Logik folgen: nach den Anschlägen von New York und Madrid nun also London, nach der größten westlichen Industrienation nun deren engster politischer Partner im Irak-Krieg. Kann man sich also vor Terror schützen, indem man auf Distanz zu den USA geht?

Die Anhänger dieser These liegen grundfalsch und haben vom Innenleben des islamistischen Fundamentalismus nichts begriffen. Die Terroristen nehmen potenziell alles ins Visier, was sie als Gegenentwurf zu ihrem Weltbild begreifen. Wer das Opfer von Terrorangriffen wird, dies hat also mehr mit Opportunität als mit Ideologie zu tun. Und mit Taktik: Bei der Auswahl ihrer Anschlagsorte tauchen die Radikalen nur für einen Augenblick in das Konstrukt der westlichen Weltsicht ein, damit sich die Intellektuellen in den westlichen Kapitalen eine Logik zurechtlegen können, die tatsächlich aber nur einen Keil zwischen sie treiben soll. Nein, der Angriffsort London kann auch durch Berlin oder Paris ersetzt werden.

Oder durch Gleneagles. Denn nichts ist Zufall, wenn El Kaida hinter Anschlägen steht. Erstmals ist mit dem exakten Timing zum Auftakt des G8-Gipfels der Kreis der Adressaten des Terrors weiter gezogen worden. Gemeint sind mit den Bomben von London eben nicht nur die offensichtlichen amerikanischen Verbündeten. Gemeint ist die Wertegemeinschaft der G8 und ihre Inhalte, um die es dort geht.

Das ist das Perfide an den Anschlägen von London: Gerade als sich die Reichen dieser Erde endlich zu einer Kraftanstrengung in Sachen Armutsbekämpfung aufraffen wollen, schlägt der Terror zu. Gleneagles sollte eigentlich von einem Aufbruch künden, nicht von Gewalt. Doch daraus wird nichts werden. Aber dies offenbart, wie weit der islamische Extremismus von abendländischen Begrifflichkeiten entfernt ist. Die Kluft, die sich hier auftut, ist schon lange mehr als nur ein großes Missverständnis.

Das Ernüchternde ist: Wenn es schon keine Kommunikation geben kann, wie dann wenigstens Schutz? Bald vier Jahre nach dem 11. September müssen wir erkennen, dass alle Maßnahmen zur Terrorbekämpfung nur Stückwerk sind. Wir mögen zwar viele potenzielle Anschläge vereitelt haben. Doch im Prinzip steht der Westen noch immer vor dem ungelösten Problem, wie asymmetrische Gewalt von offenen Gesellschaften beantwortet werden kann. Wie sollen sich die vielen „weichen Ziele“ vor dem Terror schützen? Wie viele aufgeblähte Nachrichtendienste sollen noch tonnenweise Material sammeln und auswerten? Wie viel einer solchen Politik des Misstrauens verkraftet eine Demokratie?

Daraus ergibt sich die größte Gefahr: Je länger der Terror anhält, desto mehr Freiheiten werden für eine Sicherheit geopfert werden, die es nicht gibt. Ein gutes Stück des Weges in diese Richtung haben wir seit dem 11. September bereits zurückgelegt. Und dies, obwohl die Anschläge lehren, dass wir am Ende den Rückbau unseres eigenen Fundaments betreiben könnten, ohne dabei etwas zu gewinnen. Diese feine Linie zu finden, die größtmögliche Sicherheit schafft, ohne die Grundlagen dabei zu verbiegen – das ist die Kunst und Herausforderung an die westliche Politik. Darüber sollten die Chefs der G8 heute gemeinsam nachdenken. Dann bliebe von Gleneagles vielleicht nicht nur der bittere Geschmack des Terrors.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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