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Angst und Verhärtung treiben Israels Armee zu größerer Gewalt

Die Berichte israelischer Soldaten aus Gaza stellen die hohe Moral der Armee infrage und erschrecken nicht nur Menschenrechtler.
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Zwei Monate nach dem Krieg in Gaza melden sich israelische Soldaten zu Wort. Was sie über das Verhalten der Truppen berichten, ist eine Katastrophe für Israel und die Armee, die sich gerne als "moralischste der Welt" preist. Soldaten und Offiziere bestätigen, was von Palästinensern und Menschenrechtsorganisationen behauptet wurde: Die Armee habe palästinensische Zivilisten leichtfertig getötet und sich am Eigentum der Palästinenser vergriffen.

Er und seine Kumpel hätten den Befehl gehabt, beim Durchsuchen eines Hauses auf alle Personen zu schießen, die sie fanden, berichtet ein Soldat. Das Tolle an Gaza sei, sagt ein anderer, dass man auf Menschen schießen könne, auch wenn sie nicht bewaffnet seien.

Protokolliert wurden die Aussagen Mitte Februar. Dani Samir, der Leiter eines Militärinstituts, brachte die Eindrücke und Erinnerungen anonymisiert zu Papier und ließ sie dem Generalstabschef zukommen. Als dieser nicht reagierte, leitete Samir den Bericht an die Medien weiter. Erst jetzt will die Militärpolizei die Aussagen untersuchen, die ein Klima schildern, in dem anscheinend alles erlaubt war.

Die Berichte der Soldaten blieben zwar nicht unwidersprochen. Problematisches Verhalten von Soldaten gäbe es in jedem Krieg, meint zum Beispiel ein Reservemajor, aber man dürfe "die Proportionen nicht verlieren". Andere verweisen auf den moralischen Kodex, den sich die Armee gegeben hat. Er verlangt von Soldaten, Zivilisten zu schonen und dabei gewisse Risiken in Kauf zu nehmen.

Und doch: Es gibt alarmierende Indizien dafür, dass dieser Kodex nicht oder zu wenig beachtet wurde. So seien Feuerbefehle sehr großzügig abgefasst worden, sagt der israelische Menschenrechtler Michael Sfard. Wurden Soldaten in früheren Waffengängen angehalten, Zivilpersonen zu schonen, sollen dieses Mal keine entsprechenden Anweisungen gegeben worden sein. Weil die Soldaten keine Zeit zur Klärung hatten, bevor sie abdrückten, fielen übrigens überproportional viele Israelis durch "friendly fire".

Das in den Berichten geschilderte beunruhigende Verhalten der Armee könnte eine Reaktion auf die Erfahrungen im zweiten Libanon-Krieg vor drei Jahren sein: Angst. Damals musste die israelische Armee zahlreiche Verluste hinnehmen, weil Soldaten nach der Besetzung von Häusern aus der Nachbarschaft unter Beschuss genommen wurden und sich vermeintliche Zivilisten oft als bewaffnete Hisbollah-Milizionäre entpuppten, die das Feuer eröffneten. In Gaza wollte die Armee dieses Risiko ausschalten. Sie riss deshalb Häuser nieder, um israelische Stellungen in der Umgebung keiner Gefahr auszusetzen. Zivilisten wurden grundsätzlich als potenzielle Terroristen betrachtet: Ihre Umgebung sei von der Hamas vermint oder als Waffenlager missbraucht worden.

Laut Anweisung sollte auch auf den Sanitätsdienst des Roten Halbmondes geschossen werden, wie gestern die Tageszeitung "Haaretz" meldete. Dort könnten sich nämlich, argumentierte die Armee, Terroristen verstecken. Den Soldaten saß zudem die Angst in den Gliedern, dass sie von der Hamas entführt werden könnten. Der Soldat Gilad Schalit, der vor drei Jahren gekidnappt wurde, befindet sich immer noch in Gefangenschaft.

Die jahrelange Konfrontation mit dem Terror hat die israelische Armee, die ein Spiegelbild der israelischen Gesellschaft ist, gröber und härter gemacht. Das Feindbild dominiert. Als vor knapp sechs Jahren im Rahmen einer gezielten Tötung der Hamas-Aktivist Salah Schehade umgebracht wurde und dabei 14 Zivilisten getötet sowie 100 verletzt wurden, setzte eine intensive Diskussion über die Proportionalität der Aktion ein, erinnert sich Sfard, der die israelische Menschrechtsorganisation "Yesh Din" berät. Der Fall landete schließlich vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem. Israel bezeichnete den Angriff damals nicht als verhältnismäßig: Hätte man gewusst, dass Schehade von so vielen Zivilisten umgeben war, hätte man auf den Angriff verzichtet, schrieb der Staat.

"In diesem Krieg", sagt Rechtsanwalt Sfard, "hatten wir sehr viele Schehade-Tötungen. Aber dieses Mal sagte Israel nicht: "Sorry, wir wussten nicht, dass dort auch Zivilisten waren." Das Schweigen macht dem israelischen Friedensaktivisten Gad Blatiansky Sorgen. Es bekümmert ihn, dass sein Land gegenüber dem Leiden der Palästinenser in Gaza dermaßen indifferent ist. Denn eine Gesellschaft, die keine intensive Debatte über die Opfer der Zivilbevölkerung in der Nachbarschaft lostrete, sei "eine dumpfe Gesellschaft mit mickrigen Werten".

Die Armee hat sich verändert. Immer mehr religiöse Soldaten sind in den vergangenen Jahren in die unteren Offiziersränge vorgedrungen. Das machten sich nationalistisch orientierte Rabbiner zunutze. Sie haben die gläubigen Soldaten und Offiziere vor den Kämpfen in Gaza "inspiriert": mit nationalistischer Propaganda und mit religiös verbrämten Aufforderungen, sich über internationales Recht hinwegzusetzen, wenn man feindlichen Zivilisten gegenüberstehe. Politiker tolerierten die eindeutigen Aussagen der Rabbiner. Die Armeerabbiner schlossen sich zeitweise sogar den Truppen im Kampfgebiet an, um die Soldaten mit der Bibel in der Hand zu kämpferischem Verhalten anzufeuern. "Wir werden keinen Millimeter des Heiligen Landes an andere Nationen abtreten", heißt es in einer Schrift. Zusammen mit der Angst und dem inzwischen fest verankerten Feindbild musste das eine besorgniserregende Mischung ergeben.

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